Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Alexandrien oder das Tor in die Welt
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 498 (sequence 6)
- Language
- German
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Fritz Benjamin kreises stockt schon, von Besorgten geahnt, der schlichtere Umlauf lebendiger Schöpfung und die nahe Wärme der eigenen Tradition. Dem zu begegnen gilt es, sich des überkommenen Besitzes zu vergewissern, zu sammeln und auszubeuten. So erlebt denn Alexandrien die Geburt des Historismus, und aus Anhäufung und Sichtung der erlesenen Schätze alter und neuer Zeit entstehen die Wunder seiner Bibliotheken, Akademien und Museen. Diesem genießerischen Zustande sehen die Juden sich gegenüber, und Begabungen, die ihnen eigentümlich sind, finden ihren Weg zu einer aus vielen Erdenzonen genährten geistigen Weit. Einfühlende Phantasie macht sie zu Meistern analytischer Behandlung, und so werden sie Naturforscher, Ärzte und Mathematiker. Tiefe Behutsamkeit des lernenden Weisen bestimmt sie zu den fleißigsten Gelehrten. Wenn sie an die Kategorien griechischen Denkens herantreten, so versuchen sie die eigenwillig strömende Lebendigkeit der Dinge vor sich zu distanzieren, und es entsteht Vergleich und Kritik. Sie forschen in den Schriften der griechischen Weisen nach Anklängen an die eigene Lehre, lesen Vordeutungen hinein, um ihre andere Existenz zu beglaubigen und verwirren sich, im leidenschaftlichen Drang zu verstehen und sich verständlich zu machen, in den kühnen und jenseits von Gut und Böse zeugenden Gefilden griechischer Mythologie. Und der Grieche, selber schon dem heimischen Olympos entfremdet, mustert neugierig-skeptisch die Götter der eroberten Länder und Völker. So wiederholt sich denn im jüdisch-alexandrinischen Bezirk ein gleiches Bemühen; kommentierendes Besinnen greift zu den überlieferten heiligen Büchern, um ihre gesättigte Altertümlichkeit der neu erworbenen Umgebung zu erschließen. Schon ist die aramäische Umgangssprache dem weltläufigen Griechischen gewichen, die heilige Sprache dem synagogalen Vortrag und den Gelehrten vorbehalten. Mitbetrachtend, unwillkürlich verändernd finden sich Juden und Griechen bei der Arbeit zusammen: die Bibel wird ins Griechische übertragen. Was der Grieche gibt, ist die werbende Bedeutung seiner Sprache und der Versuch, mit vereinfachender Deutung die Bibel der europäischen Vorstellung näherzubringen. Denn die grandiose Naivität und lapidare Würde der mosaischen und prophetischen Schriften erscheint im späten Lichte der überzarten alexandrinischen Kultur wie eine barbarische Erinnerung. Aus dem vereinten Bemühen hier einer missionierenden Ausbreitung, dort einer geweckten Teilnahme, die zügellos gewordene Rangordnung einer philosophischen und religiösen Phantasie auf neuem unbeeinflußtem Boden zu ordnen, entsteht die „Septuaginta". So ist das Ergebnis: aus dem stillen Reservat jüdischer Auserwähltheit tritt die Bibel ein in den geistigen Raum 498