Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Alexandrien oder das Tor in die Welt
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 499 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Alexandrien oder das Tor in die Well des seiner Marmorgötter müd gewordenen Europas und erobert in ihrer weltmännischen Form die ganze Mittelmeerwelt. Asiatische Weisheit und das Gesetz des einen unsichtbaren Gottes kommen nach Europa und bereiten die Erscheinung Jesus von Nazareth aus jüdischem Boden vor. Dies begab sich in Alexandrien, der Kolonialstadt, der Weltstadt. In die Diaspora geworfen und in die Amalgamierung einer mittelländischen Gesamtkultur, suchen die Juden nach der sozialen und kulturellen Form, unter der sie später in Europa leben werden. Als Großstädter, als Händler und Kaufleute, als Gelehrte und Kritiker, als arme Schlucker der Straße und Träger aller Zwischenberufe und in allen Formen der Abschließung, Annäherung und Einfügung. Die Heiligen Schriften, in griechischer Sprache, sind ihre Gabe an das Abendland. Das kleine Bergvolk der Juden kommt an das Mittelländische Weitmeer und sagt gerade das vor Europa aus, was Europa am wenigsten gerne hört: es spricht vom Menschen und nicht von der Macht, von der Menschheit und nicht von den Völkern! „Ich lasse Dich nicht, Du habest mich denn gesegnet!" Heut macht Alexandrien uns ein grämliches Gesicht und läßt uns warten. Damals haben sie sich um uns gerissen, nicht nur hier, sondern überall, wo Alexanders Marschälle neue Städte gründeten. Man läßt uns warten, und das ist langweilig in dieser müd gewordenen Stimmung einer überholten Ankunft. Ein blauschwarzes Wolkenkissen hängt niedrig über dem Meer, feiner Regen spritzt auf das schmutzige Hafenwasser. Die laute Buntheit der Quais ist vorbei, die Menschen haben sich verlaufen und nur ein paar Unentwegte warten geduldig auf einen kleinen Handel. An Bord gehen die Wechsler umher, große und schwere Gestalten in arabischer Kleidung, die Geldkatze umgehängt; bieten Palästina-Pfunde an, nehmen Schilling und Franken zu kulantem Kurse und weisen breitgefächert die Geldscheine vor. Die Wechsler drängen sich nicht. An der Hand tragen sie einen kostbaren Stein. In ihren bräunlich-vollen Gesichtern schwimmt zwischem üppigem Munde und dunkel geränderten glänzenden Augen ein undeutliches Lächeln. Sie sitzen am Haupt Afrikas, am Tore des Ostens. Bald wird der ägyptische Pharao von heute wieder seines europäischen Tributes ledig sein. Mancher denkt sich sein Teil: ah, da seid ihr ja wieder! Ihr habt Europa satt! Nun, es ist noch nichts verloren, man hat manches dabei gelernt und kehrt zurück in seine heimischen Penaten! Weichsohlig und mit gelösten Hüften wenden sie sich an uns vorbei. Vor uns liegt Alexandria. 499