Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Alexandrien oder das Tor in die Welt
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 497 (sequence 5)
- Language
- German
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Alexandrien oder das Tor in die Welt Die Juden lernen das Leben in der großen Handelsstadt. Denn man muß zu anderen Berufen greifen, kann nicht Winzer und Ackerbürger bleiben, wie man es im Berglande Palästina war. Vielleicht sind auch semitische Männer aus den phönizischen Seestädten unter ihnen. Nun werden sie Fischer, Matrosen und Lastträger im alexandrinischen Hafen, Schiffer und Kaufherren mit seegehenden Schiffen, kleine Wechsler und große Bankherren. Ihre orientalische Sitte, mit vielgeschwätziger Übertreibung und höflicher Dienstfertigkeit alles Geschäft zu umranken, begegnet der zielsicheren Klugheit und Verschlagenheit des listenreichen Odysseus. Bald sind die Juden gelehrige Schüler, und das begriffliche Denken ersetzt ihnen an Härte die muntere Phantasie und Unbeschwertheit des Griechen. Es lebt sich gut in der Weltstadt Alexandrien, unter ihrem ungeheuren Leuchtturm, im Gewimmel des Hafens und in den Gewölben der Kaufleute, in dieser strahlenden Stadt, die einem Zeitalter Name und Untergang bedeutet. Die erlesenen Schätze ferner Länder bieten sich aus auf Straßen und Plätzen und sprechen durch die geläufige Kunst der griechischen Meister. Hochmütig-nackte, vergoldete Leiber, Bildnis und Sinnbild, ragen an säulenumkränzten Märkten oder spiegeln sich im marmorbunten Gewässer exotischer Gärten. Die gezierte Verführung, kaum verhüllt im Vorwand des Tüchtigen, springt hervor aus Thermen und Bibliotheken als eine Lebenswollust und wahllose Neugier nach Altem und Neuem. Das strotzt von Stein zu Stein und begrenzt sich in bebilderter Form, als wäre nichts vorstellbar zwischen Himmel und Erde ohne den einzigen Menschen, der seine Ziele streckt nach seinem Maße. Den Söhnen Israels indes, den träumerischen Asiaten, ist es bestimmt, daß das Gesicht ihrer Seele nach anderem Inhalt gerichtet sei, und ihre lauschende Bereitschaft erschrickt am allzu selbstbewußt Wirklichen. Denn sie verwahren im ausdrucksvollen Worte den hüllenden Anfang und das Zukünftige der Dinge, es fädelnd und wiederfädelnd auf der zauberhaften Ebene des Gleichnisses. Solcher Art ergeht es den Juden unter den griechischen Meistern in Ägyptenland, gelockt und beunruhigt zugleich in ihrem jüdischen Anderssein. Bedeutungsvolle Begegnung, beargwöhnt von den Gesetzestreuen; nicht leicht zu erkennen, wo die unverbindliche Augenfreude sich abwegig verliert und ein anspruchsvoll Neues, das bildhaft Schöne, die Allwelt des Guten und Göttlich-Wahren beengt. Im Überschwang seines Gründerwesens und im bequemen Genuß politischer und wirtschaftlicher Erfolge ist das goldene Zeitalter Alexandriens von keiner naiven Schöpferfreude beseelt. In den bewunderten Großmaßstäben eines kolonisierten Erd- 497