Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Alexandrien oder das Tor in die Welt
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 496 (sequence 4)
- Language
- German
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Fritz Benjamin Nachzüglern der erobernden Heere. Aus Griechenland stoßen Kaufleute und Abenteurer dazu, Künstler, Literaten und Gelehrte, um mit dem Pfunde ihrer griechischen Bildung zu wuchern. Ein begieriges Stadtvolk, großartig und traditionslos, gibt einander in Berührung und Einfügung kosmopolitischen Schliff, und bestimmt auch die Richtung der jüdischen Diaspora. * Ein sonderbares Paar, der Grieche mit seinem hebräischen Partner, zusammenlebend in einer bevorzugten Stellung und bestimmend über der Menge der bunten und weniger genauen Völkerschaften. Juden und Griechen treiben den Lebensrhythmus der werdenden Weltstadt, zur stürmischen Ausdehnung angereizt durch die vergleichsweise ungeheuren Maßstäbe, denen sie sich plötzlich gegenübersehen. Denn der eine kommt aus der abseitigen Enge Palästinas, der andere aus der Krähwinkelei seiner Stadtrepubliken. In allem Äußeren sind es die Griechen, die Stempel und Stil geben; sie schwelgen in der Überheblichkeit ihrer Arriviertheit und genießen die Großzügigkeit der schnell bereicherten Mäcene. Das griechische Vorbild wird zum Lehrmeister, der jüdische Anteil sinkt in tieferen Schichten ins geistige Bild des alexandrinischen Zeitalters ein. Beide sind erinnerungsträchtig, beide darum zu Mitteilung und Austausch bereit. Denn sie sind Nachfahren und Enkel großer Zeiten, und der stolze Widerstand der in sich Ruhenden und von den eigenen Leistungen Besessenen bindet die aus dem Heimatboden in die mildere Luft Alexandriens verpflanzten Kolonen nicht mehr. Masse und nomadisierende Einsamkeit, Neugier und geistiger Genuß, rastloser Betrieb voll Willkür und Erfolg, und im Verborgenen dazu die Intimität der privaten Sphäre! Wie gut man das kennt, die Atmosphäre der rücksichtslos verbrauchenden Großstadt! Hier bildet sichs vor. Die Mittelmeerwelt gibt sozial, wirtschaftlich und kulturell den Juden jene Gestalt, unter der sie später in Europa leben werden. Denn europäisch gesehen beginnt für sie in Alexandrien die Aufgabe ihrer politischen Einordnung nach Recht und Pflicht am bewohnten Boden. Sie wenden sich elastisch der Außenwelt zu, daß aus dem Einfügen sich der Weg zur Assimilierung bereite, während der Gottesgedanke allein nur mehr ihre jüdische Bindung bestimmt. Indessen genügt den in die Ferne Gezogenen das einsame Bekenntnis nicht. Sie schaffen unter sich eine Gemeinschaft, einen geistigen Raum, wie eine Insel ihres eigentlichen Wesens, ein Heiligtum, das überall oder nirgends ist, wo seine Gläubigen es suchen, auch wenn sie weiterhin den Blick nach Zion wenden. Aus der Dichte ihrer wesenhaften sozialen Beziehungen entstehen Synagoge und Kirche, eine Erfindung von welthistorischer Bedeutung. 496