Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-02-01 · Heft 11 (Februar 1937) · p. 495

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 11 (Februar 1937)
Article
Alexandrien oder das Tor in die Welt
Date
1937-02-01
Page
495 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895564-2906874--09507-2906924
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Alexandrien oder das Tor in die Welt geht um in der Welt; wo überall nur das Volk des großen Alexander erscheint, versinkt im Staube das Alte und Überständige, und die Blicke von Ost und West verschränken sich. In Asien und Afrika, ja bis nach Indien am Ende der Welt werden Götter entseelt und Völker zerstreut. Auf ihren Trümmern aber verkündet der Genius des Griechen, daß ein neuer, weithin gültiger Bau dem unendlich vergrößerten Erdkreis gezieme. Hundert Städte erblühen in Alexanders Namen. Denn das Städtegründen ist von je die verführerische Stärke seiner griechischen Landsleute gewesen, und städtisches Wesen im scharf gedrängten Umriß einer großen Staatlichkeit hebt sich aus der losen Länderweite hervor. Keine aber versteht wie diese hier der Stunde zu dienen: aus dem soldatischen Lager wird sie zur Kolonialstadt, aus der Kolonialstadt zur Weltstadt, wird die Krone dieses großstädtischen Zeitalters, Königin am Mittelländischen Meere, Magazin der Künste, der Gelehrsamkeit, Mittelpunkt alles Handels, Zuflucht der Heimatlosen. Und für die Juden wird es zum Erlebnis Alexandria! Denn auch Jerusalem auf seiner Bergeshöhe, vereinsamt in politischer Ohnmacht und der Erstarrtheit seines Gottkönigtums, auch Jerusalem, einst die kühn eroberte Burg des Helden David, wird von der völkerwandernden Zeit berührt. Die Griechen kommen! Um sie ist die unbekümmerte Luft und Lust der homerischen Helena. Die Griechen treten auf mit der frischen Gegenständlichkeit kriegerischen und politischen Wirkens, mit der Verführung irdischer Genüsse und den unbedenklichen Herrscheransprüchen des Welteroberers dazu. Orientalische Menschen von träumerischer Phantasie werden verwirrt und in allen Voraussetzungen ihres symbolisch empfundenen Lebens bedroht. Im Eigentlichen ihres Wesens finden sie Trost, Gewißheit und Zukunft. Denn wie Alexander den griechischen Geist mit sich aus den heimischen Grenzen hinausträgt, folgen die Juden der weltoffenen Verkündigung des prophetischen Wortes. In alle Räume und Zeiten stellen sie den Einen und Einzigen hinaus, ihn überall zu bekennen, wo eine Gemeinde ihm anhangt. So bereiten sie die seelische Voraussetzung einer freiwilligen Diaspora und, statt eine Selbstaufgabe hinzunehmen, vertrauen sie sich der Weltmacht ihres Gottes an. Nun werden sie zum Volk ohne Land, aber sie bleiben die ewigen Juden. So kommen sie denn, freiwillig oder kriegsgefangen verschleppt, nach Alexandrien, in die zukunftsweite Freistatt am Mittelländischen Meere. Wohl gelittene, ja erwünschte Kolonisten, apolitisch wie ihre Theokratie sie erzogen hat, einfügsam und gelehrig und empfänglich für alle Gunstbezeigungen der Großen. Man richtet sich ein und lebt mit Wohnrecht und kultischer Freiheit zwischen den griechischen Beamten und den 495

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.