Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Alexandrien oder das Tor in die Welt
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 494 (sequence 2)
- Language
- German
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Fritz Benjamin Es dauert eine Weile, ehe man in den Hafen kommt. Lotsenboot, Arzt und Polizeibarkasse dürfen längsseits heranschwimmen. Die strotzenden Kiellinien hinter uns verrauschen und glätten sich, und leise auf vorsichtigen Sohlen gleitet das Schiff nach Alexandrien hinein. Tief in den innern Hafenbezirk, wo niedere Häuser von Leitungsmasten überragt, und ärmliche Minarets von Eisenbahngleisen umschnürt werden, schleppt man den großen Dampfer und schubst ihn sachte ans Bollwerk heran. Von der Haushöhe des Decks schauen wir seelenruhig auf Afrika hinab. * Da wären wir also wieder in Ägypten! Vor zweitausend Jahren in Alexandrien hat man uns dies Leben vorgelebt. Da fing Europa für uns an. Erinnert ihr euch nicht mehr? — Merkwürdig, wie doch der Ort die Menschen verändert! Denn, jüdisch gedacht, ist das beinahe gestern gewesen, dieser kleine Quarantäne- Aufenthalt in Alexandrien, bevor die Reise weiterging nach Europa. Knappe zwei Jahrtausende nur sind darüber hingegangen, die schließlich bei eurer Zeiten-Großzügigkeit nicht alle Welt bedeuten. Wollte man vergleichsweise von Erzvater Jakobs Lieblingssöhnchen Joseph sprechen, der schön und hübsch war, an Träumen litt und seine Brüder daran leiden ließ, — das wäre schon etwas anderes! Darüber aber wißt ihr selbstverständlich Bescheid, daß er in Ägypten war und ihm das Abenteuer mit Potiphars Weibe passierte, wovon alle Welt noch bis zum heutigen Tage spricht. Nur ein paar Stichworte zum Thema Ägypten will ich euch nennen: Potiphars Weib, die listigerweise den jungen Joseph bedrängte, Pharaos Tochter, die dem Knaben Mose zum zweiten Male das Leben schenkte, jene Kleopatra schließlich, strotzend im Sammetglanze ihrer kostbaren Perlen und ausschweifend bis zu ihrer letzten Umarmung mit den Giftnattern am begehrlichen Leibe. Cäsar und Kleopatra, Antonius und Kleopatra! — Die Männer wußten, was es da zu erben galt: nicht nur Perlen und das reiche ägyptische Land, sondern auch die unausgeträumte Sehnsucht östlicher Weltherrschaft. Aber die Namen klingen plötzlich ganz anders: statt Pharao heißt es Cäsar, und statt in Memphis und Theben, wo die alten ägyptischen Tempel und Pyramiden stehen, spielt die Geschichte nun hier in Alexandrien. Da aber wollte ich hinaus. Jene tolle Stadt allerdings, die ein ruhmsüchtiges Zeitalter gegründet hatte, blieb Alexandrien nicht bis auf unsere Tage. Damals aber kamen alle hierher gereist, um dabei zu sein, wie die Völker der Erde zusammenströmten, berauscht an ihrer eigenen Schau von Hülle und Fülle. Denn ein Aufbruch des Raumes 494