Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Die jüdische Betreuung der nicht-palästinensischen Auswanderung
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 489 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz Maybaum: Die jüdische Betreuung — lichkeiten bestehen in vielfacher Form. Aber die Öffentlichkeit des Judentums hat davon keine Notiz genommen. Die mit der Palästinawanderung befaßten Institutionen konzentrieren heute das Interesse der jüdischen Intelligenz und Gesellschaft auf sich. Das Büro der Stelle, die die nichtpalästinensische Auswanderung betreut, besitzt einige Zimmer; die stundenlang wartenden Menschen werden fast nur in Schiffskartenfragen beraten. Was fehlt? Erfahrung? Geld? Menschen? Es fehlt die Überzeugung, daß die nichtpalästinensische Auswanderung den Anspruch erheben darf, ein legitimer Weg unserer Zeit zu sein, ein Weg der jüdischen Bewährung und Sendung. Wenn diese Überzeugung da sein wird, werden die Erfahrungen, die gesammelt werden müssen, sich einstellen, wird Geld und werden Menschen für die Arbeit da sein. Wovor fürchtet sich der Zionismus gegenüber der nichtpalästinensischen Auswanderung? Glaubt er, daß das Judentum nur in der Gasse Gemeinschaft sein kann, nicht in der Welt? Die Emanzipation hat die jüdische Gasse aufgelöst; nun soll Palästina diese Gasse sein. Die Angst des Zionisten ist die Angst der mütterlichen Liebe, die zusammenhalten will, was zusammen gehört. Aber die Treue ist eine männliche Tugend. In einer harten Zeit kann sie gedeihen. Und unsere Zeit ist hart. In ihr wh-d nur bestehen, was stark ist. Die Stärke des Judentums wird sich dann entfalten können, wenn unsere Herzen und unsere Köpfe mit den wirklichen jüdischen Glaubensüberzeugungen in Verbindung treten. Sie brauchen wir und nicht die vorherrschenden Ideologien der Zeit. Die ersten jüdischen Auswanderer, die am Ende der Antike den Kulturkreis des Mittelmeers verließen und in das Innere Europas vordrangen, standen vor derselben Situation wie die heutigen nach Übersee auswandernden Juden. Auch sie gingen aus hochzivilisierten Ländern in eine geschichtlich noch nicht gestaltete Welt. Sie blieben Juden. Jenes Judentum, das sie als Juden bewahrte, ist nicht verschollen. Es ist noch heute lehrbar. Die Bestimmung dessen, was in den Jahren 1933—1937 jüdische Öffentlichkeit ist, ist eine soziologische Arbeit. Diese Bestimmung kann nicht so getroffen werden, daß man feststellt, welche jüdischen Bücher in den Jahren 1933—1937 erschienen sind. Denn es handelt sich ja gerade um die Frage, wieviele von diesen literarischen Arbeiten die jüdische Öffentlichkeit geformt haben. Nehmen wir Martin Bubers unlängst erschienenes Buch „Die Stunde und die Erkenntnis". Es ist das Buch eines Zionisten. Der Zeitgenosse, der glaubt, aufgrund dieses Buches eine Bestimmung des gegenwärtigen Zionismus zu besitzen, ist im Irrtum. Der Zionismus Martin Bubers ist eine private Angelegenheit, durch die die zionistische Öffentlichkeit nur in ihren besten 489