Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Die jüdische Betreuung der nicht-palästinensischen Auswanderung
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 488 (sequence 1)
- Language
- German
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ignaz Maybaum: Die judische Betreuung der nichtpalästinensischen Auswanderung Der Auswanderer ist der Repräsentant unserer jüdischen Gegenwart. Wird dieser Situation all das gerecht, was diese jüdische Gegenwart an Weltanschauungsformeln, Ideologien und Religiosität besitzt? Diese Frage ist zu verneinen. Der Nationalismus der zionistischen Gruppen und der Nationalismus der mit ihren Vaterländern sich naiv identifizierenden Teile des europäischen Judentums sind nicht in der Lage, aus dem Schatze des Judentums jene — gewiß vorhandenen — Glaubensstücke zu bemerken und hervorzuholen, die heute dringend gebraucht werden. Solche Verengungen machen blind für die echte Glaubenssituation, in der der jüdische Auswanderer steht. Bleibt es dabei, daß dem Palästinawanderer allein die Glorie zugesprochen wird, sich auf dem jüdischen Wege zu bewegen, so entstehen dem modernen Judentum große Verluste. Für solche — tatsächlich drohenden — Verluste mußte die Verantwortung uns zugeschoben werden. Das öffentliche Leben des Judentums, das immer stärker zionistisch bestimmt wird, berücksichtigt den jüdischen Auswanderer als eigentlichen Repräsentanten der Zeit nicht genügend. Hier liegt eine Schuld vor. So wird das Leben und Treiben der jüdischen Öffentlichkeit, wie es sich in Zeitungen, Versammlungen und Tagungen widerspiegelt, für die jüdischen Menschen allmählich uninteressant. Es entsteht eine Scheinwirklichkeit ohne rechten Ernst, von der echte Charaktere sich zurückzuziehen beginnen. Sind wir in der Lage, den jüdischen Auswanderer, der nicht nach Palästina geht, in jüdischer Berufung zu sehen? Wenn wir nicht in der Lage dazu sind, ist nicht das Judentum daran schuld. Schuld ist jenes verengte Judentum, das uns für alle universalen Tendenzen der jüdischen Lehre blind macht. Die jüdische Öffentlichkeit repräsentiert heute keine Glaubensüberzeugungen, die dem jüdischen Selbstbewußtsein des jüdischen Auswanderers dienen könnten. Als die Mayflower englische Auswanderer nach Amerika brachte, waren auf diesem Schiffe Kaufleute, Handwerker und Bauern. Und diese Kaufleute, Handwerker und Bauern sahen sich in einer Glaubensaufgabe. Ist keine Möglichkeit, dem jüdischen Auswanderer von heute zu sagen, er dürfe anknüpfen an Gen. 12, 1? „. . . Geh' weg aus deinem Lande und aus deinem Geburtsorte und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde . . . und du sollst ein Segen sein". Ist keine Möglichkeit, den jüdischen Auswanderer zu lehren, wie er in seinem Schicksal an die Knecht-Gottes-Texte, die im zweiten Teil des Buches Jesaja stehen, anknüpfen dürfe? Diese Mög- 488