Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Europa
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck Es war eine harte Aufgabe, und sie hat ihre Mühen und ihre Opfer abverlangt. Ein Geringeres darin war, daß eine innere Verbindung mit der neuen Bedeutsamkeit bisweilen allzu sehr gewollt und gesucht wurde und wie alles Absichtliche leicht eine Übertreibung oder Verzerrung bewirkte — es kam nicht von bloßer Böswilligkeit und Feindseligkeit her, wenn der Jude damals so oft Gegenstand des Witzes und Spottes wurde. Auch das war gegenüber dem Entscheidenden ein Geringeres, daß so manche sich verloren und den Rückweg oder den Ausweg nicht mehr fanden, und daß sie so in der Welt rings umher den Juden und das Judentum als beendet, als überholt und entamtet erscheinen ließen — es war nicht bloße Gleichgültigkeit oder Gedankenlosigkeit, wenn viele ringsumher die Geschichte und den Sinn des Juden nicht sahen. Das Entscheidende war ein anderes; es kam daher, daß dort auch, wo das Jüdische feststehen wollte, so selten und so spät begriffen wurde, wie jüdische und europäische Bedeutsamkeit zueinander bezogen wären. Auch dort meinte man oft das Jüdische vom Europäischen her betrachten zu sollen, betrachten zu müssen; man dachte, daß das Jüdische vom Europäischen her seine Bedeutsamkeit empfinge, daß dem Juden nur von hier aus ein Künstlerisches in sein Leben gelange, daß also das Europäische für das Jüdische sinngebend und damit schließlich die Richtung weisend wäre. Dies war das entscheidende Versehen und Vergehen — diese Worte in ihrem Wörtlichen genommen. Weg und Gang von Generationen waren jetzt hiervon bestimmt, um so mehr, da hier ein weiterer Einfluß noch geltend wurde. Durch die französische Revolution war die liberale Aufklärung zurückgedrängt worden — jede Revolution wirkt schließlich gegen Humanismus und Liberalismus; die christlichen Kräfte Europas konnten wieder mehr hervortreten. Aus ihnen war ja die neue weltliche Kultur ursprünglich hervorgegangen, und diesem Geschichtlichen hat sie sich auf die Dauer nicht ganz entziehen können. Als sie in ihrer Philosophie ihrer selbst bewußt wurde, ist sie auch dessen mehr und mehr bewußt geworden; der Weg von Kant zu Sendling und Hegel, von Voltaire zu Chateaubriand läßt es deutlich erkennen. So waren der Jude und das Judentum, als sich ihnen das neue, das weltliche Europa eröffnet hatte, sehr bald und weithin doch in einem christlichen Europa. Sie standen im Strahlenbereich nicht nur Europas, sondern auch des Christentums. In eine ganz neue seelische Lage und zu einer ganz neuen Aufgabe waren sie damit geführt. Im Mittelalter hatten sie durchaus neben allem Christlichen gelebt, innerlich 486