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Der Morgen · 1937-02-01 · Heft 11 (Februar 1937) · p. 485

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 11 (Februar 1937)
Article
Europa
Date
1937-02-01
Page
485 (sequence 5)
Language
German
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Europa Zu ganz besonderem Geschehnis und Erlebnis wurde das für die Juden Europas. Als die Völker des Erdteils in der Kirche, in der Christenheit ihre Einheit und ihr Symbolisches besaßen, konnten die Juden nur außerhalb der Gesamtheit gestellt sein. Das, was den Menschen hier ihr Gemeinsames, ihr Bedeutsames war, das, worin sich ein Künstlerisches ihres Wesens aussprechen konnte, das Christliche, war gerade das, was sie von den Juden ganz eigentlich schied, und worin die Juden selbst sich in ihrem Persönlichsten geschieden fühlten. In diese mittelalterliche Welt konnte der Jude eintreten nur, wenn er aufhörte, Jude zu sein. Jetzt dagegen, wo der neue Begriff mit seinem symbolischen Gehalt vorgedrungen war, wo nicht mehr die Christenheit, sondern Europa sich in dem Menschen darstellen sollte, wo der gebildete, tugendhafte Mensch die künstlerische Gestaltung dieser neuen Idee geworden war, jetzt, so schien es, vermochte der Jude auch innerhalb des großen Ganzen zu sein, innerhalb dessen, was alle seelisch einte, was ihnen allen das Bedeutsame ihres Lebens war. Auch er konnte nun der europäische, der gebildete, der aufgeklärte, der europäisch fromme Mensch sein, das künstlerische Bild konnte sich auch an ihm darbieten. Aber damit war er in eine ernste Problematik hineingeführt. Als ein Mensch voller Bedeutsamkeit, einer tiefer noch als die der anderen in den Zeiten verwurzelten, hatte er dagestanden. In den Judenbezirken des Mittelalters lebten Menschen, die um des einen Gottes willen, den kein Abbild darstellen darf, fernab von allem Kunstgebilde sein wollten, die aber ein Leben zu eigen hatten, das im sinnvollsten Sinne ein künstlerisches war. Alles, was sie erfuhren und taten, war erfüllt von symbolischer Kraft, offenbarte den einen Gott und zeugte von ihm. Sie selbst waren das Zeugnis dessen, der „der Erste und der Letzte" ist. Wohl niemals ist ein Leben so ganz Bedeutsamkeit gewesen wie dieses jüdische Leben. Es konnte nur das sein, oder es konnte nicht mehr sein. Nun zog die Fügung der Tage den Juden in den Bezirk der Bedeutsamkeit Europas hinein; nur noch neben ihr, vielleicht überhaupt nicht mehr sollte seine eigene da sein. Dem Christen Europas war ein allmählicher Übergang gewährt gewesen und damit ein, oft leichter, Ausgleich der Welten. Er brauchte sich nicht von sich selbst zu entfernen; aus der Welt und der Idee der Christenheit waren Welt und Idee Europas geworden. Dem Juden schien im raschen Wechsel von Zeit und Geschick der Eintritt einen Austritt oder zum mindesten eine, oft quälende, Spannung zu besagen. 485

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