Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Europa
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 487 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Europa noch mehr als im Äußeren. Die eigene Bedeutsamkeit fühlte man durch die christliche niemals auch nur zur Frage geworden. Jetzt war es anders. Jetzt hatte man den eigenen Kreis dort, wo sich der des Christentums erstreckte. Nicht nur im Äußeren war es so, sondern im Geistigen, dort besonders, wo auch diese Zeit ein Verbindendes fand, im Bezirke der Bildung. Das Problem der Bedeutsamkeit des Jüdischen mußte sich jetzt einstellen. Auch hier ist es ein Schicksal geworden, daß so manchem der Blick und damit so oft der Weg beirrt worden ist. So mancher Jude schaute auf das Jüdische vom Christlichen her; das Dahinterstehende, das, was die Bedeutung wies, war für ihn das Christentum. Namen und Geschicke sprechen hiervon, Geschlecht um Geschlecht mehr als ein Jahrhundert lang. Dem Juden, wo immer er lebt, aber dem Juden Europas besonders, kann sein Dasein ein bedeutsames werden — und anders vermag er von Eigenem, Persönlichem auch heute und heute zumal nicht zu leben —, nur wenn er sein Judentum als Letztes, Offenbarendes und Entscheidendes hinter allem erkennt, es als das erfaßt, wovon her in seinen Tagen und rings um seine Tage alles den letzten Sinn, die letzte Bedeutung, die letzte Symbolik für ihn erhält. Nur von seinem Judentum her kann er seelisch das alles begreifen, was im Wechsel und Wandel den Raum füllt und die Zeit bewegt. Auch Europa, auch das Christentum kann er nur so betrachten, wenn anders er sein Besonderes, sein Selbst erreichen will — das Judentum bedeutsam hinter Europa, hinter dem Christentum, nicht umgekehrt. Erst in der Bedeutsamkeit, die von dem Ewigen, dem einen Gotte her kommt, erlebt er, der Jude, sich und alles andere wahrhaft. Nur von daher gewinnt sein Leben und sein Wesen das Künstlerische. Dieses Jüdische ist für ihn darum keine Enge, sondern weiteste Weite des Begreifens, des Begreifens von allem Menschlichen; es ist für ihn das Künstlerische des Erfassens, es führt ihn dahin, wo das Verstehen zum Ahnen wird, wo das Offenbarende anhebt. In der europäischen Welt, in der Zeit Europas ward dem Judentum ein inhaltsvolles Stück seiner Geschichte zugewiesen. Auch wenn Europa aufhörte, als eine Völkergemeinschaft, als eine geistige, sittliche Einheit zu bestehen, wenn es den Erdteil nur benennen sollte, in welchem es die Völker gibt, so bliebe doch dem Juden, seinem Glauben und seinem Leben, hier sein Platz, wenn er nur immer um die eigene Bedeutsamkeit weiß, wenn dieses Künstlerische, dieses Gestaltende, das von dem Ersten und Letzten zeugt, zum steten Ausdruck seines Lebens, seines Persönlichen und Besonderen geworden ist. 487