Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-02-01 · Heft 11 (Februar 1937) · p. 484

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 11 (Februar 1937)
Article
Europa
Date
1937-02-01
Page
484 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895564-2906872--09493-2906913
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Leo Baeck hin. In ihm hatten sich einst Europa und das vordere Asien vereint, staatlich und geistig und ebenso dann kirchlich. Die zwei gestaltenden Kräfte, die in der Kirche lebten, der Glaube und das Naturrecht, waren beide von Asien her, aus dem östlichen Bereiche des imperium gekommen, der Glaube von den Juden, das Naturrecht von den Stoikern des Orients. Diese eine Idee von Kirche und Reich hatte in den Kreuzzugsgedanken gewirkt, und wenn die aus der Kirche geborene Renaissance die lateinische und die griechische Bildungswelt zu verbinden suchte, so hatte sie sich darin als geistige Wiederherstellung des imperium auch empfunden. Das Wort „christlich" und das Wort „römisch" in seinem umfassenden Sinn sprachen dasselbe aus. Kirche und imperium, bald ineinander bald beieinander als Einheit empfunden, waren das, worin jene Jahrhunderte eine Bedeutsamkeit erfahren hatten, sich zu einem Künstlerischen hatten gestalten können. Mit der Reformation begann dann hier ein Wandel. Die Staaten, die Teile des imperium, brachen in die Kirche ein, so wie vorher, in der Zeit des niedergehenden imperium, die Kirche in die Staaten eingebrochen war. Kirchliche Gebiete und Güter wurden in weltliche umgewandelt, die Kultur wurde mehr und mehr verstaatlicht und damit säkularisiert, neben und gegen den kirchlichen Humanismus trat ein selbständiger, weltlicher. Der Begriff „Christenheit" hörte mehr und mehr auf, das innerlich Verbindende und Einigende, das Bedeutsame der Völker und Menschen des Erdteils zu bezeichnen. An seiner Stelle erlangte jetzt ein neuer Begriff seine Geltung, der Begriff „Europa". Er hörte nun auf, ein Geographisches oder Historisches nur zu benennen, er wird das Wort für ein Allgemeines, das sich in allem Besonderen kundtun kann, das hinter dem Besonderen, Einzelnen steht, um ihm eine Bedeutsamkeit und ein Künstlerisches zu geben. Diese neue Bedeutsamkeit bereitete sich auch bald ihre eigentümliche Form, die der Bildung. Der Mensch Europas, das ist der gebildete, der humane Mensch, die Bildung, das ist die neue Völkereinheit. Sie ist auch die neue, weltliche Religiosität, die die alte ersetzen will, zumal dort, wo die Aufklärung, dieses legitime Kind des Absolutismus, ihren Bereich gewann. Der gebildete Mensch ist jetzt der wahrhaft fromme Mensch, er besitzt die echte Religion. Zudem hatten Humanismus und Aufklärung die Dogmen erweicht oder zurücktreten lassen, auf Vernunft und Moral, auf Denken und Tun mehr als auf den Glauben wird jetzt der Nachdruck gelegt; sie werden der Sinn des Lebens. Von daher will jetzt in den Menschen Europas sein Künstlerisches kommen. 484

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.