Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Europa
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck Wenn ein Mensch, und jedem kann es so gewährt sein, hinter seinem Ich und seinem Geschicke ein Größeres erfaßt, will in sein Persönliches ein Künstlerisches und in sein Leben ein Bedeutsames, etwas von einem Kunstwerk kommen. Letztes und tiefstes Kunstwerk, letzte und tiefste Bedeutsamkeit wird so die Frömmigkeit, die den einen Gott erlebt. Sie erlebt das Letzte und Tiefste. In ihr hebt gleichsam Gott an nicht nur zu sein, sondern zu bedeuten; Gott fängt an sich zu offenbaren. Für den Frommen ist darum Gott immer sein Gott. Was das meint, kann am Kunstwerk sein Gleichnis haben: der wahre Maler hat den Baum gemalt, weil er ganz sein Baum geworden ist; der Dichter hat den Menschen gestaltet, weil er ihn als seinen Menschen erlebt hat. Und der Vergleich kann weiter ziehen. Jedes wahre Kunstwerk ist Ausdruck einer starken echten Liebe — das unterscheidet ja den Dilettanten und den Artisten von dem Künstler; sie treibt eine Neigung, vielleicht eine große, aber nicht die Liebe, die diesen erfaßt und erschüttert. Alles kann zum Kunstwerk werden, wenn es in dem, der zu formen vermag, solche Liebe erweckt, daß sie ihn sehend, hörend, erkennend macht und durch sie irgendein Wesen auf Erden ihm sein Wesen ist. So auch weiß der Fromme Gott als seinen Gott, so liebt er ihn mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzer Kraft. Es ist das Bedeutsame dieser Frömmigkeit, daß Gott, der eine Gott, sich allein und selbst ihr offenbart. Götter können in Bildern bedeutsam werden; von ihnen kann es Bilder geben, wenn der Künstler hinter ihnen das, was größer, mächtiger und erhabener ist, als sie selbst sind, erlebt. Den einen Gott darf kein Bildnis und keine Gestalt darzustellen suchen; denn hinter ihm ist kein Höheres und Mächtigeres mehr, er ist „der Erste und Letzte". Er offenbart nichts anderes und keinen anderen, sondern nur sich selbst; er bedeutet nichts anderes, sondern sich selbst allein. Hinter ihm ist auch nichts Unsichtbares mehr. Auf ihn als „den Ersten und den Letzten" kann nur hingewiesen werden, und er kann bezeugt sein nur durch das fromme Leben, die fromme Tat mit ihrem Erleben. Alles Symbol darf hier nicht Darstellung sein, sondern bloß Zeichen und Mahnung, daß der Mensch nicht vergesse. Nur das Wort, das gewissermaßen nicht sagen, sondern besagen will, das der Mensch nicht sprechen, sondern nur vermitteln mag, in dem nicht er selbst, sondern der eine Gott gehört werden soll, nur die Musik, die mit nichts, was hinzustellen und darzubieten trachtet, sich verbindet, die so ist, daß sie nicht sowohl vernommen als vielmehr empfangen 482