Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Alfred Mombert
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 470 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab nennen will und fortfährt: „Es ist ganz verfehlt, wenn Sie mich für einen religiösen Lyriker, für einen Sprecher von Gott zu Gott, für einen Mystiker halten. Meine Ruhe ist nicht das Leere, der Abgrund, das Unsinnliche, „Gott", sondern die sinnlichste und brausendste Natur im weitesten Sinne, der ganze Tanz der unzähligen Welten, jene Sphäre, wo allein die geistige Freiheit herrscht: der ganze Kosmos." In der Tat fehlt Mombert jenes betont ethische Interesse, das in seiner rationalen Ausgestaltung für viele der Kern, ja der alleinige Inhalt des Judentums scheint. Aber vielleicht ist diese Auffassung des Judentums doch unvollständig. Das Judentum hat die Gottheit nicht nur als ethisch umgrenzende Macht aus der Welt herausgestellt, es hat sie doch auch mit ursprünglich asiatischer Wucht als Inhalt des Weltganzen empfunden. In den Propheten, in den Psalmen klingen solche Stimmen auf, und mit großartigster Schärfe und Bewußtheit wird diese kosmische Gottesidee über die ethische erhoben im Buch Hiob. Wenn der Jude von allen Asiaten der Europa-Nächste ist, so ist er in einer Tiefe seines unverstellten Wesens doch immer noch Asiat. Und so hat Mombert am Ende doch nicht recht, wenn er einen Gegensatz formuliert: er sei nicht Jude sondern Asiate. Das Asiatische, das er in sich findet, die große gleichzeitige und wesenseinige Gott- und Welttrunkenheit, dürfte dennoch jüdisches Erbteil sein. Und wenn seine so sehr eigenwillige Kunst, wie alles Menschliche, doch mancherlei Herkunft verrät, so ist doch sicher die Sprache der Bibel unter all seinen Vorfahren die erkennbarste und mächtigste Erweckerin. * Der Dichter Alfred Mombert, der in Heidelberg lebt und das Land Asien mit der Seele sucht, wurzelt doch tief in der deutschen Landschaft. Davon gibt sein neues Buch (nicht mehr im Insel-, sondern im Schocken -Verlag erscheinend) erschütterndes Zeugnis. Das Buch heißt „Sfaira der Alte" und bildet in seinem Hauptteil einen Mythos, dessen epischer Kern einfacher und klarer ist als frühere Mombertsche Kompositionen. Diese „Sage von Radha-Hari" hat eine durchaus nacherzählbare Fabel: das berühmte Liebespaar indischer Sage Radha-Hari wird zum Sinnbild aller harmonischen Schönheit, die die Welt hie und da in glücklichsten Augenblicken offenbart. Sfaira der Alte, der große Genius Momberts, erblickt die zwei auf einer Insel eines deutschen Bergsees im Kelch einer Blume. Er will sie wiederfinden, sammelt von überall her Nachricht, wo sie sich gezeigt haben; die alte Linde im Heidelberger Schloßhof verrät ihm schließlich: sie sind zur Höhe des Himalaya entschwunden. Nun bricht er auf — ein weißes Zauberroß trägt ihn über die Alpen nach Venedig, ein goldener Delphin trägt ihn durch das griechische Inselmeer nach Byzanz, zwei mächtige Adler tragen ihn auf ihren Flügeln hoch über Meer und Gebirge nach Indien. Dann steigt er ins große Gebirge empor, und auf dem Berge Moira sieht er die göttliche Zweieinigkeit. Aber in die Menschen - weit wollen die zwei ihm nicht wieder folgen, sie schwinden im Unendlichen; und Sfaira, der wandernde Sänger, schreitet weiter und singt ihre Sage. Solche „Inhaltsangabe" ist freilich sehr wenig, fast nichts — und nahezu alles ist die Macht, mit der Momberts Dichterwort die einzelnen Stationen der Reise lyrisch ausbaut: 470