Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Alfred Mombert
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 468 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab völlig untergeordnete Rolle spielt. Mombert schafft in seiner reifen Form ganz reine Lyrik, das heißt Musik der Sprache, so wenig logisch zu verstehen und zu erklären, außerlogisch aber genau so tief und stark zu begreifen wie eine Beethovensche Sonate. Selbstverständlich beruht die Musik der Sprache nicht auf dem Akustischen; Klang und Rhythmus der Worte sind nur sehr wichtige Hilfsmittel, eigentlich Betonungsmittel innerhalb der Phantasie folge, die dichterische Sprache in uns erweckt. Jedes Wort ist eine Taste auf dem Klavier unserer Vorstellungskraft, der Dichter schlägt diese Tasten in bestimmter Folge an, und seine Komposition besteht aus neuer Ordnung von Phantasieerlebnissen. Fast jede Dichtung nimmt dabei ihren Ausgang von einem bekannten Naturerlebnis, aber jede hat das Ziel, die natürliche Ordnung durch eine neue, phantastische abzulösen. Das gilt im Grunde auch für das Epos und das Drama (bei denen der Banause immer nur Interesse an dem Rohstoff hat, den er doch viel einfacher aus einer Zeitungsnotiz gewinnen könnte). Doch gilt dieser Wille zur phantastisch freien Ordnung der Sprache am unmittelbarsten und sichtbarsten in der Lyrik, die, wo sie sich von epischen Bestandteilen ganz gereinigt hat, beinahe ohne jede Beziehung zu einem realen Vorgang auskommt, — die im idealen Falle absolute Seelenmusik ist. Schwierigkeit, Kraft und Geheimnis der Mombertschen Dichtung besteht nun einfach darin, daß er in ungewöhnlichem Maße ein reiner Lyriker ist, daß Wirklichkeitsvorstellungen bei ihm fast nie längere Gültigkeit haben, fast stets nur Absprung sind für das sofort einsetzende Phantasieerlebnis. Nehmen wir als Beispiel die wohl bekanntesten, einfachsten, am ehesten populären seiner Verse: Schlafend trägt man mich in mein Heimatland. Ferne komm ich her über Gipfel, über Schlünde, über ein dunkles Meer in mein Heimatland. Dieses Heimatland ist weder Deutschland noch Palästina, noch irgendein Land der Geographie — es ist ein Land der Seele, in das man weder mit Luftschiff noch mit Dampfer gelangt. Man kommt dem Gehalt dieses Gedichtes mit gar keiner Wirklichkeitsvorstellung bei; aber wenn wir uns den Phantasieberührungen dieser Worte hingeben wie den Takten einer großen Musik, so erleben wir Heimkehr an sich: das Gefühl des Zurruhekommens, einer wunderbaren Vollendung. — Oder man lese die Schlußverse des ersten ganz eigenen Mombertwerks, der „Schöpfung": Im dritten Jahre vor dem Jahr zweitausend warf ich dies Buch auf einen Riesentisch, hörte das Meer erschüttert drunter brausend und zog den großen Vorhang über mich. Weder über den Zeitpunkt noch über die Lokalität bei der Vollendung dieses Buches kann man hier irgend etwas Wirkliches erfahren. Das Buch ist 1897 erschienen, in Momberts Wohnung steht wahrscheinlich kein „Riesentisch'', und er wird auch nicht am Meer gewohnt haben, als er diese Zeilen schrieb. Doch wer sich, von dem 468