Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Alfred Mombert
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 467 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab: Alfred Mombert Der Dichter Alfred Mombert gibt nach fünfjähriger Pause ein neues Versbuch heraus, und zwar ein sehr besonderes und besonders schönes. Das ist Grund genug, einmal nicht nur diesem Buche nachzufragen, sondern dem ganzen außerordentlichen Manne, der es geschaffen hat. Denn Alfred Momberts Kunst gehört zu den stärksten und sicherlich reinsten dichterischen Kraftquellen, die im letzten halben Jahrhundert von Menschen jüdischer Abkunft in deutscher Sprache ausgingen. Die deutsche Lyrik hatte um das Jahr 1900 herum eine ganz große Zeit Ein solcher Reichtum gleichzeitig starker und großer Begabungen ist in der Geschichte der deutschen Dichtung vorher wohl nur zweimal, im Mittelalter und am Ende des 18. Jahrhunderts gewesen. Von Liliencron bis Pulke spannte sich der Bogen, und in der Mitte stand das Doppelgestirn der beiden großen Entgegengesetzten: Richard Dehmel und Stefan George. Die Mittelpunktstellung Richard Dehmels, die außerordentliche Spannweite seiner Natur ist aber durch nichts besser gekennzeichnet als durch die innige Freundschaft, die ihn einerseits mit Detlev von Liliencron und anderseits mit Alfred Mombert verband, mit dem am meisten Naturgebundenen und dem am meisten Naturüberlegenen in der Reihe der großen Begabungen. Mombert, von dem Vierteljuden Hofmannsthal abgesehen, der einzige Dichter jüdischer Abkunft in der Schar dieser großen Lyriker, hat zweifellos ein Verhältnis zur Natur, das dem großartigen Impressionismus Liliencrons vollkommen entgegengesetzt ist. In einem Sinne, der freilich älter und tiefer als das vor einem Jahrzehnt noch modische Schlagwort ist, war Mombert stets „Expressionist". * Mombert ist nie auch nur im bescheidensten Sinne populär gewesen. Und selbst besondere Kenner und Liebhaber lyrischer Dichtung klagen nicht selten über die Schwerversländlichkeit seiner Verse. Weshalb versteht man ihn schwer? Mir scheint deshalb, weil man ihn nach dem logischen Prinzip der Sprache verstehen will, nach dem im Grunde überhaupt keine Dichtung begriffen werden kann. Auch ein Gedicht von Dehmel oder von Goethe oder von Li-Tai-Pe ist im Grunde genommen nicht nach jenen Prinzipien zu verstehen, die vollkommen genügen, um einen Zeitungsartikel, eine juristische Abhandlung oder ein philosophisches Buch zu begreifen. Dichtkunst ist niemals so geordnet wie die Sprache, in der das praktische und theoretische Leben abläuft. Nur sind bei Dehmel und Goethe oder Li-Tai-Pe meist (nicht immer) noch Teile von Naturstoff in der Dichtung zu erkennen, die sich in der Art der üblichen Sprache begreifen lassen. Und wer keine Dichtung versteht, kann sich doch die Illusion verschaffen, die Gedichte dieser Großen zu genießen, indem er ihr freilich Unwesentlichstes, den Naturstoff auffaßt. Diesen bequemen Irrtum schließt nun Mombert allerdings aus, weil in seinem Dichten der Naturstoff nur eine 467