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Der Morgen · 1937-01-01 · Heft 10 (Januar 1937) · p. 465

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 10 (Januar 1937)
Article
Das althochdeutsche Schlummerlied
Date
1937-01-01
Page
465 (sequence 3)
Language
German
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Das althochdeutsche Schlummerlied liehen deutschen Götternamen einzuprägen, mag auch sein, daß er einen sprachlichen Zusammenhang zwischen den betreffenden deutschen Wörtern und den darunter geschriebenen hebräischen Namen vermutete — ein Zusammenhang, der zwischen Osträ und Ester zwar falsch, aber leicht zu vermuten ist3) —, interessant ist jedenfalls die Tatsache, daß, spätestens im 10. Jahrhundert, ein Jude sich mit deutschen Literaturprodukten beschäftigte, daß damals einem Juden ein solches Lied aufschreibenswert erschien. Was hat nun das hebräische f, was hat die hebräische Vokalisation deutscher Wörter zu bedeuten? Der Schreiber hat wahrscheinlich das Gedicht ziemlich schnell auf das Pergament geworfen, wofür auch die unregelmäßige Handschrift spricht. | statt z zu setzen, war für ihn eine kleine Erleichterung; der Unterschied beider Zeichen ist nicht groß, f kannte er, das z war ihm ein noch fremdes Zeichen. Die hebräischen Vokale waren ihm vertraut, vertraut war ihm insbesondere eine vokallose Schrift, bzw. eine Schrift, deren Vokale erst nach Fertigstellung der Konsonantenreihe gesetzt werden, wie wir es heute noch machen, wenn wir ein hebräisches Manuskript ausnahmsweise vokalisieren. Aus dieser Einstellung erklärt sich das Vorkommen der hebräischen Zeichen. Die Punktation oberhalb der Linie machte allen bisherigen Bearbeitern des Gedichtes Schwierigkeiten. Wir wissen aber aus neuesten Forschungen, daß eine supralineare Punktation in vergangenen Jahrhunderten nicht selten war und daß die heute übliche Zeichensetzung erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts durch Maimonides alleingültig wurde. Vor der Auffindung des Schlummerliedes war der Gelehrtenwelt nur eine Handschrift mit Suprapunktation bekannt, der durch den Karäer Firkowitz 1839 aufgefundene Prophetenkodex aus den Jahren 916/17; aber seitdem ist, besonders durch die Arbeiten von Professor Kahle in Bonn, eine Fülle solcher Codices gefunden worden. Wenn diese auch teilweise andere Formen der Vokalzeichen aufweisen als die im Schlummerlied verwandten, uns vertrauten, sogenannten tiberiensischen Zeichen, so kann uns das heute doch nicht allzu sehr wundernehmen. Denn damals, im 10. Jahrhundert, war das tiberiensische Punktationssystem in Europa zwar schon ziemlich allgemein anerkannt, sein Sieg aber noch nicht entschieden. Noch bestanden die anderen Schulen, die gänzlich oder teilweise andere Zeichen verwandten und diese oberhalb der Konsonantenreihe anbrachten, so wie wir heute, im tiberiensischen System, einen Vokal, das -, supralinear setzen. Hier, im Schlummerlied, sind tiberiensische Vokale, aber oberhalb 3) Bereits die alten Kommentatoren vermuteten richtig einen Zusammenhang zwischen dem persischen Wort Ester und dem lateinischen astrum (Stern). 465

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