Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Das althochdeutsche Schlummerlied
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 466 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Carl Cohen: Das althochdeutsche Schlummerlied der Linie angebracht. Diese Zeichensetzung ist also ein Mittelding zwischen den verschiedenen Systemen und damit ein interessantes Denkmal für die Entwicklung der Vokalzeichen. Diese Tatsachen mußten aber, 1858, der damaligen Gelehrtenwelt unerklärlich erscheinen, um so mehr, als man selbst in orientalistischen Fachkreisen nur eine einzige Handschrift kannte, den erwähnten Prophetenkodex von 916/17, bei der die Vokale oberhalb der Linie stehen. Man brandmarkte den Finder Zappert fast einhellig als Fälscher, und die Angriffe gingen so weit, daß dieser sich erschoß. Der Unglückliche wußte nicht, daß Jacob Grimm und Franz Pfeiffer bereits über seine Ehrenrettung in Korrespondenz standen, zu denen sich als Dritter Karajan, der Vizepräsident der Wiener Akademie gesellte. Grimm starb indessen bald nach Zappert, und so fiel Pfeiffer die Aufgabe zu, die Echtheit des Schlummerliedes nachzuweisen. Pfeiffer führte den Nachweis aus Sprachgebrauch, Beschaffenheit der Tinte und der Handschrift, vor allem aber aus einem Umstand, der Zappert verborgen geblieben war. Karajan hatte nämlich das Pergament genau untersucht und dabei festgestellt, daß dieses mit anderen daraufgeklebten Pergamentstückchen zur Verstärkung eines Buchrückens verwandt worden war. Karajan schloß nun scharfsinnig, daß der gefundene Text sich im Lauf der Jahrhunderte bruchstückweise in Spiegelschrift auf den darauf geklebten Stückchen abgedrückt haben müsse, und zwar besonders deutlich die fetten hebräischen, weniger deutlich die etwas dünneren deutschen Schriftzeichen. Eine peinlich genaue Untersuchung bestätigte diese Vermutung und damit die Echtheit des umstrittenen Liedes. Die hebräischen Wörter oberhalb der Linie stellen ein kleines Vokabular dar. Die Vokalisation ist auch hier supralinear, und zwar — was als neuer Beweis für das Alter der Handschrift gelten kann — nicht ganz korrekt in der Unterscheidung zwischen - und -. Denn die Differenzierung dieser beiden E-Laute ist verhältnismäßig spät erfolgt; die klassischen hebräischen Grammatiker wie Ibn Esra sind in diesem Punkt ebensowenig exakt wie unser Manuskript. Auf der Rückseite des Pergaments findet man einige gleichfalls supralinear vokalisierte Worte aus den Sprüchen Salomos (3, 13 und 6, 6). Pfeiffer und Zappert schlössen aus all diesem — besonders aus der Tatsache des an sich unüblichen Vorhandenseins von Vokalen —, daß das Pergament ursprünglich einem hebräisch geschriebenen Manuskript angehörte, das ein jüdischer Lehrer für den Unterricht zusammengestellt hatte. Diese Handschrift fiel dem Messer des Buchbinders zum Opfer, und nur ein Zufall rettete in eigenartiger Form dieses von einem Juden aufgeschriebene, einzige bekannte althochdeutsche Schlummerlied. 466