Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-01-01 · Heft 10 (Januar 1937) · p. 462

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 10 (Januar 1937)
Article
Vom Typenwandel der Jüdin seit hundert Jahren
Date
1937-01-01
Page
462 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895563-2906786--09451-2906846
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Bertha Badt-Strauß: Vom Typenwandel der Jüdin seit hundert. Jahren widmet ihre beste Kraft den Kämpfen und Aufgaben der Jüdin in aller Welt. Noch ihre schwindende Kraft gilt einer Reise zu den jüdischen Frauenschulen im Osten, den Bet Jaakob-Schulen, deren Ausbau und Erweiterung sie fast wie ein Testament ihren Mitarbeiterinnen ans Herz legt. „Wohin gehen wir? — Immer nach Hause!" Das tiefe Wort des Novalis leuchtet als Leitstern auf dem jüdischen Frauenwege im 19. Jahrhundert. Von der Vereinzelung zur Gemeinschaft; von der Gemeinschaft der Frauen zur Gemeinschaft der Jüdinnen; von der Mitarbeit in der deutschen Umwelt zur Mitarbeit am Aufbau einer neuen jüdischen Heimstätte in Palästina. Im gleichen Sinne wie Rahel Levin den Abschluß der ersten Phase im Leben der Jüdin des 19. Jahrhunderts bildet, kann man Bertha Pappenheim und Josephine Levy-Rathenau in ihrer Wirksamkeit als Marksteine der zweiten Phase betrachten. Unterdessen aber ist schon seit mehr als einem Menschenalter eine neue Form des jüdischen Frauenlebens erwacht — in der tätigen Mitarbeit der Jüdin an der Gestaltung des neuen Lebens im Lande der Väter. Nicht ohne Kampf geht diese Wandlung vor sich. „Wenn Gott der Herr eine Tür zuschließt, dann hat er schon vorher eine andre Tür geöffnet!", sagt unser altes Volkswort. Schon mit den ersten Kolonisten der achtziger Jahre, den Biluim, die dem Spruche der Väter „Haus Jakobs, lasset uns aufstehen und wandern" ihren Namen entlehnten, war eine Frau ins unbebaute Land gezogen, Darja (Debora) Sirot, die erste Chaluza der Bewegung. So wichtig sie für ihre Genossen bald wird — ist doch diese Frau die einzige, die in den ersten bangen Tagen der Arbeitsuche für die Gemeinschaft sorgt und alle bemuttert —, ist diese Frau doch für lange Zeit die einzige geblieben. In die eigentliche landwirtschaftliche Arbeit der Kolonisatoren tritt die Frau erst seit 1905 ein. Unter den größten Entbehrungen und Opfern sucht sie sich den Arbeitsplatz, der ihren Fähigkeiten entspricht. Erst 1910 gründet Channa Maisel-Schochat die landwirtschaftliche Lehrstätte für Frauen. Und nun entsteht im Laufe weniger Jahrzehnte die Gestalt der jüdischen Arbeiterin in Palästina, die jeder kennt, der heute Palästina durchwandert. Es vollzieht sich eine Wiederauferstehung der Ghetto-Frau des Mittelalters, wie man fast sagen könnte. Nicht umsonst bemerkt Ernst Simon einmal, daß man in den Kwuzot fast meinen könne, in der Zeit des Matriarchats zu leben. In diesen Frauen ist die Urahne des Mittelalters wiedererstanden, die mit sicherer Hand das Geschick des Hauses leitete. Robuste Gestalten mit tief durchfurchten sonnenbraunen Gesichtern sind diese Landarbeiterinnen in Palästina. Meist kamen sie aus Rußland, aus der politisch-sozialen Arbeit. Debora Dajan hatte schon lange als einzige Jüdin im Semstwo mitgearbeitet, als sie ihr eignes Volk 462

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.