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Der Morgen · 1937-01-01 · Heft 10 (Januar 1937) · p. 461

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 10 (Januar 1937)
Article
Vom Typenwandel der Jüdin seit hundert Jahren
Date
1937-01-01
Page
461 (sequence 3)
Language
German
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Vom Typenwandel der Jüdin seit hundert Jahren ausschließlich in der alten Zeit zu leben: „Wir Alten sind auch noch ä la tete de la jeune phalange!", erwidert sie mit ihrer tiefen Stimme, als die junge Königsbergerin ihr von eignen Kämpfen (mit einem Zitat aus Scribes „Camaraderie") berichtet. Manchmal freilich wird es dieser eigenwilligen Frau klar, daß sie als Jüdin „wie ein entlaubter Baum" allein inmitten ihrer ausgedehnten Familie und Freundschaft übrig geblieben ist. Und es ist eine posthume Genugtuung für sie, daß die Jüdin jener Jahre gerade auf jenem Wege weiterging, den die kinderlose Sara Levy als eine der ersten beschritten hatte: dem Wege der sozialen Arbeit. Das neue Frauengeschlecht des 19. Jahrhunderts überwindet den Kultus der eignen Persönlichkeit, wie er im Kreise der Romantiker und Romantikerinnen herrschte — als Glanz und als Schuld herrschte —, durch die Hingabe an eine größere Gemeinschaft. Es ist kaum verwunderlich, daß in den Anfängen der Frauenbewegung Jüdinnen sogleich tätig und aufklärend sich beteiligten. Hier bot sich ihnen eine Gemeinschaft, die sie von dem lang getragenen Lose der Vereinzelung befreite; eine Minderheit, die gleich der jüdischen Gemeinschaft in ihrer Wirksamkeit jahrhundertelang unterdrückt worden war. So erklärt damals Henriette Goldschmidt die Arbeit, die ja altjüdischem Pflichtenleben entsprach und nun auch zur Grundlage der modernen Gesellschaft wurde, zur „Pflicht und Ehre" des weiblichen Geschlechts. Generationen von jüdischen Frauen nach ihr kämpfen dann dafür, die der weiblichen Arbeitskraft überall im Wege stehenden Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Neben die Frau, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts „tastend und mit unsicherem Schritte" in das Berufsleben eintritt, stellt sich im Laufe weniger Jahrzehnte die jüngere Schwester, die in der politischen Frauenbewegung mit gelassener Selbstverständlichkeit ihre Rolle spielt. Auf allen diesen Gebieten arbeiteten wie bekannt Jüdinnen an wichtiger Stelle mit. Zuerst organisiert Lina Morgenstern die Hausfrauen; einige Jahrzehnte später leiten Jeanette Schwerin und Alice Salomon die Auskunftsstelle für Frauenberufe, und Josephine Levy-Rathenau schafft in den ersten Tagen des Weltkrieges zusammen mit Gertrud Bäumer den Nationalen Frauendienst, der als eine der wichtigsten Schöpfungen der heimischen Widerstandskraft gedient hat. Wenn sich hier vielleicht ein Endpunkt einer Mitarbeit der Jüdin in ihrer deutschen Umwelt zeigen könnte, so hat dieser gleiche Weg unterdes eine der eigenwilligsten und selbständigsten Gestalten der jüdischen Frauenwelt schon zur Erkenntnis des Aufgabenbereichs für die jüdische Frau im Kreise ihrer eignen Probleme und ihrer eignen Notlage geführt. Bertha Pappenheim hat, aus der allgemeinen Frauenbewegung her kommend, vor mehr als einem Vierteljahrhundert den Jüdischen Frauenbund gegründet und 461

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