Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Vom Typenwandel der Jüdin seit hundert Jahren
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 463 (sequence 5)
- Language
- German
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Carl Cohen: Das alihochdeutsche Schlummerlied entdeckte und sich ihm zu widmen begann. Hier erwacht ein neues weibliches Heldentum, und, merkwürdig genug, eine neue Frauendichtung. Mit dem Häuflein Trumpeldors kämpfen Frauen mit, und mit ihm deckt sie das Grab in Tel Chaj. Und daneben erstehen Dichterinnen wie jene jung geschiedene Rachel Bluwstein, deren Verse heut im Lande gesungen werden, und die vielleicht noch bedeutendere „Elischewa", die aus fremdem Glauben und fremdem Volke zum Judentum findet. * Noch einmal aber faßt sich heute in der Gestalt einer einzigen Frau das Einst und Jetzt, das Gestern und Heute des Typenwandels der Jüdin zusammen: die soziale Jüdin des 19. Jahrhunderts, die dem Ziel der ganzen Menschheit entgegenstrebt, und die Kämpferin und Arbeiterin für die Zukunft ihres Volkes in Palästina. Diese Frau ist Henrietta Szold, die amerikanische Rabbinerstochter. Aus allen Quellen der jüdischen Vergangenheit schöpfend, hat sie fast ein halbes Jahrhundert in ihrem Geburtslande für die Pflege jüdischen Schrifttums und zugleich für die bedrängten Juden ihrer Zeit, für die Einwanderer aus Rußland und Rumänien gewirkt. „In der Mitte des Weges" — an jenem Wendepunkt, den Dante meinte, wenn er von dem mezzo del camin sprach — faßt sie den Entschluß, nach Palästina zu gehen. Dorthin rief sie eine damals noch ganz unerfüllte Aufgabe, die der sozialen Arbeit, eigentlich also die Aufgabe der Jüdin des 19. Jahrhunderts. Wir alle wissen, wie zukunftsreich sie diese Aufgabe gerade in den letzten schweren Jahren gestaltet hat. „Die Mutter der Jugend-Alija" erscheint uns in fruchtbarer Bindung Gestalt und Werk der Jüdin von gestern mit dem Werke der Jüdin von morgen zu verknüpfen. Carl Cohen: Das althochdeutsche Schlummerlied Wenn der Satz wahr ist, daß Bücher ihre Schicksale haben, so gilt er verstärkt von manchen Liedern. Zu denen, die eine besonders interessante und wechselvolle Geschichte haben, gehört das althochdeutsche Schlummerlied. Wohlgemerkt: das, nicht ein althochdeutsches Schlummerlied; denn von dieser lieblichen Literaturgattung ist in althochdeutscher Sprache bisher nur dieses eine auf uns gekommen. Die wenigen uns bekannten Literaturdenkmäler in dieser Sprache, die sich bereits nach dem 10. Jahrhundert zum Mittelhochdeutschen entwickelt hat, sind auf oft abenteuerliche Art 463