Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Meier Pretschke
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 457 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Meier Pretschke gen, die Wahrheit seiner Geschichte. Damit verschaffte er sich Vertrauen und Bewunderung im Herzen von Josches Enkelknaben. Was machte es schon, daß Itzschke Kiekel in Jahr und Tag nicht eine Zeile aus Warschau ins Haus brachte? Man glaubt einem Menschen oder man glaubt ihm nicht! Was wissen denn wir, die wir der Welt mit ihren großen Wundern mißtrauen, wie sich das Licht der Wahrheit in einem Kinderherzen spiegelt! Im Herbst des siebenten Jahres nach seinem Einzug in Josches Haus ward Meier Pretschke krank, spuckte Blut und erbrach seine Suppe. Bevor er starb, ließ er Itzschke Kiekel an sein Bett kommen und gab ihm noch ein letztes Mal einen Brief in die Hand. Bis zum letzten Atemzug hielt er die Augen offen und wartete, daß sein Reichtum durch die Tür zur Stube hereingewandert käme. Niemals starb ein Greis einen schwereren Tod. Als Josche kam, ihm die Augen zuzudrücken, war Meier Pretschkes gebrochener Blick in einer letzten, heißen Frage auf ihn gerichtet. Die Wirklichkeit, mein lieber Leser, hat manchmal eine andere Schreibweise als der erfindende und formende Erzählergeist. Auch hier, in der Geschichte unseres Narren, kommt sie uns am Ende doch noch mit einem ihrer berüchtigten „billigen Aktschlüsse". Bedenken wir aber: sie schreibt ja nicht, sondern sie handelt zwangsläufig überall dort, wo sie ein Schicksal entwerfen, durchführen und — beschließen muß. Mag sie in unseren Augen zuweilen verspielt, in gar zu „wirklicher" Weise, die Dinge zum Abschluß bringen, so bleibt sie doch die Wirklichkeit, und wir, die wir ihren Sprüngen zuschauen und ihren reichlich ungefeilten Einfällen nicht gerne einen bedeutenden Platz einräumen, im Reich der Kunst wenigstens, die ihre Gesetze hat, reinere vielleicht und auch gebundenere, als sie dem Alltagsschicksal innewohnen, — wir sind die „Nur-Erfindenden" und können nimmermehr die Wahrheit für uns in Anspruch nehmen, die ihr zu eigen ist. Um es kurz zu sagen: Kaum daß Meier Pretschkes magerer Leichnam ins Grab gelegt war, schlug seine Sache, wider das allgemeine Erwarten des Dorfes, zum Guten aus. Der Brief, der sieben Jahre als vielbelachtes und vielverwettertes Hirngespinst des schnurrigen Alten gegolten hatte, der Brief mit vielen Stempeln und roten Siegeln, gerichtet an Panje Mayar Pretschke, war an einem Frühherbsttag in Itzschke Kiekels Hand zu sehen, als der ihn in Josches Haus brachte. Josche nahm den Brief und wog ihn in den Händen. Es war ein schwerer Brief, denn er enthielt das Schicksal und die ganze Wahrheit eines Menschen, dem man nie geglaubt und den man stets verlacht hatte. Josche öffnete das Schreiben; dieses Recht 457