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Der Morgen · 1937-01-01 · Heft 10 (Januar 1937) · p. 456

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 10 (Januar 1937)
Article
Meier Pretschke
Date
1937-01-01
Page
456 (sequence 4)
Language
German
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Mala Laascr seinem Sprüchlein anfing, packte das Buch in eine alte Zeitung und legte es achselzuckend auf den Ladentisch. Und genau wie er gingen die meisten Leute im Dorf mit dem alten Schwätzer um, wenn er sich mit einem Anliegen an sie heranmachte. Itzschke Kiekel, der dem Branntwein hold war, trug in sieben Dörfern der Niederung die Post aus. Mit diesem Mann führte Meier Pretschke alsbald ein langes Gespräch auf dem Damm. Im Anschluß daran erhielt Kiekel einen dicken Brief zur Besorgung an das Gericht in Warschau, und Meier Pretschke notierte als neueste Schuld den Betrag für eine Freimarke in seinem Büchlein. Seither saß er täglich auf dem Damm, just an der Stelle, wo die Dorfstraße auf den Fluß lief, und wartete, daß Itzschke Kiekel ihm Antwort brächte. Zunächst bediente er sich hierbei eines Kilometersteins. Als jedoch der Herbst kam und seine alten Glieder sich durch Nässe und Kälte gestört fühlten, verschaffte er sich beim Dorfschreiner einen alten Feldstuhl, den er von früh bis spät mit sich herumschleppte und der es ihm ermöglichte, auch im Winter, wenn der Schnee den Damm halbmeterhoch bedeckte, am Fluß zu sitzen und zu warten. „Geht, Ihr seid ein Narr!", sagte Josche, wenn Meier Pretschke morgens mit seinem Stühlchen aus dem Hause schlich. Dann lächelte der nur mitleidig, wie ein Kluger über einen Dummen lächelt, schlug den Kragen hoch und ging. Einmal, bei starkem Frost, mußte Josche im Schlitten über Land. Da war doch, zum Teufel, sein Fahrpelz im ganzen Haus nicht aufzufinden. Fluchend machte er sich also, in Decken gehüllt und mit dem Kohlentöpfchen zwischen den Beinen, auf den Weg. Als der Kutscher über den Damm lenkte, saß Meier Pretschke auf seinem Feldstuhl mitten im Schnee und hatte Josches Pelz am Leibe. Dem Kutscher fiel vor Lachen fast die Leine aus der Hand. Als er sich beruhigt hatte, waren die Gäule schon ein gutes Stück flußaufwärts getrabt, und da Josche keine Zeit verlieren wollte, weil er in einem eiligen Handel unterwegs war, mußte er wohl oder übel seinen Pelz lassen, wo er eben hing. Es gab im Dorf nur eine Seele, die Meier Pretschkes Märchen für bare Münze nahm. Das war Josche Gotthelfs Enkelsohn, Friedelchen geheißen; er teilte wacker Prügel aus, wenn in der Schule die Kinder über Meier Pretschke spotteten. Er hegte eine tiefe Neigung für den Alten; wahrscheinlich kam das daher, daß Meier ihm unermüdlich Versprechungen machte. „Sieh, ich bin ein alter Mann", pflegte Meier Pretschke zu ihm zu sagen, „und man kann seinen Reichtum nicht ins Grab mitnehmen. So wahr ich hier stehe, es sollen dir nicht weniger als dreißigtausend Silbertaler von meinem Gelde überschrieben werden, sobald der Streit zum Guten geschlagen ist", und zur Bekräftigung beschwor er immer wieder bei Gott, dem Allmächti- 456

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