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Der Morgen · 1937-01-01 · Heft 10 (Januar 1937) · p. 458

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 10 (Januar 1937)
Article
Meier Pretschke
Date
1937-01-01
Page
458 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Mala Laaser: Meier Pretschke gestand er sich einfach zu. Es war in polnischer Sprache abgefaßt, und Josche kannte diese Sprache nicht; aber Zahlen werden allenthalben in der Welt in gleichen Ziffern geschrieben, und jedermann konnte hier, inmitten eines Wustes von unbegreiflichen Worten, die Ziffer 30 000 lesen. „Was ist denn?", wollte Friedelchen, Josches Enkeljunge, von seinem Großvater wissen. „Was soll sein, mein Kind?", sagte Josche nachdenklich, „der Brief für deinen Meier Pretschke ist gekommen". Der Kleine wurde brennend rot. Dann lief er aus der Stube, und Kiekel, der heute ganz beson'ders seinem Lieblingstrank zugesprochen haben mußte, sah stieren Auges kopfschüttelnd hinter ihm drein. Nach einem Weilchen kam das Kind zurück und drückte dem Großvatter zitternd ein altes Papier in die Hand. Josche nahm den Zettel und las ihn vor: „Der Friedel bekommt das Geld, wenn meine Sache zum Guten schlägt. Meier Pretschke (aus Warschau)" Kopfnickend zog Josche die ungeschickten Schriftzeichen mit den Augen nach. Dann riß er den Fetzen langsam in kleine Stücke und schob das kindische Vermächtnis gleichmütig in die Rocktasche. „Kiekel, geh jetzt!", sagte er milde. Am Abend nahm er das Friedelchen bei der Hand und ging zum Friedhof hinunter. Bedächtig legte er das polnische Schriftstück auf den nackten Hügel, unter dem der tote Meier Preschke ruhte. „Der Chochom warst du", sagte er freundlich, und Friedelchen verstand das nicht recht. Aber er schwieg stille. Der Regen in den kommenden Nächten wusch die Schrift mitsamt der Zahl von dem harten Bogen; die Erde trank die Tinte auf, wie sie das Regenwasser trank. Nach einer Woche war Meier Pretschkes Brief nur noch ein nasser schmutziggelber Lappen. Dann kam die Kälte mit einem Satz von Norden her, der Regen wurde leise zum Schnee, und der Schnee bedeckte die Erde friedlich mit einem weißen Pelz. Im Frühjahr, als der Totengräber kam, um Efeu auf die jungen Gräber zu pflanzen, war auch der gelbe Lappen den irdischen Weg gegangen. Das war zwar noch kein Beweis dafür, daß Meier Pretschke dort unten nun „seinen" Brief auch richtig empfangen hatte, aber der Weg, welchen die Nachricht eingeschlagen hatte, schien wohl der richtige zu sein. Unserem spärlichen Wissen bleibt die Hoffnung frei, daß „ausgelitten" nicht „ausgefreut" bedeutet. 458

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