Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Meier Pretschke
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 455 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Meier Pretschke sagte er milde. „Ich heiße Meier Pretschke, und ich habe größeren Besitz in meinem Land, als Ihr Euch träumen lassen könnt. Daß der Allmächtige — gepriesen, gepriesen sei sein Name — mich prüft und schlägt und all mein Gut in schlimmen Händen duldet, sagt mir, ist das mein Vergehen? Ich will Euch wahrlich, wenn mein Streit zum Guten kommt, für jede Blume einen Silbertaler zahlen." Josche schob seine Mütze in die Stirn und kratzte sich den Hinterkopf. „Was redet Ihr mir vor von Silbertalern und von dem, was Ihr mir geben werdet? Ihr riecht wie ein verhungerter Köter. Kommt und eßt und nehmt ein Bad! Ich sehe, Ihr seid kein Ganneff, sondern Ihr seid ein Narr!" Er ging voran ins Haus, und Meier Pretschke folgte ihm. In der Küche saß schon „Puste de Lompe" beim Mahl. Er wohnte in einer Kate am Damm, hatte dreizehn Kinder von einer Frau, die er alle davon nährte, was Josches Weib ihm für die Woche in sein Wägelchen packte. Er liebte hübsche Pferde, gutes Essen und Tabak. Arbeit liebte er nicht, das war schon so. „Setzt Euch", sagte Josche zu Meier Pretschke. Seine Frau nahm schweigend einen Teller aus dem Schrank, schöpfte Suppe und stellte sie für den Fremden auf den Tisch. Meier Pretschke bat um einen Löffel, wischte ihn vorsichtig mit dem Daumen ab und begann ruhig zu essen. Als er dreimal nachgefüllt bekommen hatte, legte er den Löffel zur Seite und rülpste wie ein Rind. „Ich meine, Ihr könntet mir von Eurem Tabak etwas leihen", sagte er dann zu seinem Nachbarn, der schon geraume Zeit eine qualmende Zigarre zwischen den Lippen hielt. „Ich führe einen Rechtsstreit mit dem polnischen Fiskus um viele Meilen Waldes. Wenn die Sache zum Guten ausschlägt, wird Euch dieser kleine Dienst vergolten werden." Der Tagedieb lachte dröhnend, sah nach Josche, was der für einen seltenen Vogel gefangen hatte, und reichte dem Neuen eine Zigarre über den Tisch. Meier Pretschke biß sie an, drehte sie wohlig im Mund und entzündete sie an Puste de Lompes brennendem Stummel. „josche, er hat Läuse", sagte die Hausfrau besorgt, und das war leider wahr. Ehe Meier Pretschke in Josche Gotthelfs Haus für die nächsten sieben Jahre Quartier bezog, mußte er über den Stapelplatz in die Mühle gehen und im Heizkeller in die Familienwanne steigen. Danach schwammen viele Läuse in der seifigen Brühe, aber sie waren tot und konnten wohl keinen Schaden mehr anrichten. Bald kannten alle Leute im Dorf Meier Pretschkes traurige Geschichte. Im Lauf der Zeit war sein Schuldenbüchlein vollgeschrieben, und er mußte sich beim Krämer ein neues holen. „Schon gut, schon gut", meinte der Brave, als Meier mit 455