Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Meier Pretschke
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 454 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mala Laaser „Du mußt nicht glauben, daß ich dich um deinen Fährlohn betrügen will", sagte er freundlich. „Du siehst, ich schreibe alle Schulden hier in dieses Buch. Sobald der Fiskus mir mein Eigentum zurückgibt, wirst du sehen, daß ich ein Mann von Ehre bin. Ich hege keinen Zweifel, denn das Recht ist klar auf meiner Seite, und jeder Richter wird das zugestehen müssen. Ich habe schließlich schwarz auf weiß Beweise, guter Freund, geschriebene, gestempelte Urkunden. Worte, ja, auch einen Handschlag kann man leugnen, aber ein Schriftstück, das kann man nicht leugnen. Vielleicht sieht es dir so aus, als ob ich ein armer Mann bin, weil ich im Augenblick den Fährlohn nicht bezahlen kann. In Wirklichkeit aber steht mir großer Reichtum zu, und ich werde dir, wenn die Zeit gekommen ist, das Dreifache, was rede ich, das Zehnfache von dem in die Hand legen, was dir heute zusteht. Einstweilen Gottes Segen! Ich danke dir!" Er stieg gemessen lächelnd aus dem Kahn ans Ufer, klomm mit seinen nackten Stelzen den Abhang zum Deich empor und machte sich fürbaß auf den Weg ins Dorf hinein. — Vor dem hölzernen Gatter eines gedehnten Grundstücks machte Meier Pretschke halt. Josua Gotthelf, dem das Wohnhaus und das rote Sägewerk hinter dem Stapelplatz gehörten, stand am Fenster und sah schweigend zu, wie der alte Vagabund die kleine Gattertür mit dem rechten Bein aufstieß und über die Zufahrtsbohlen in den Garten stelzte. Der Hofhund kam in langen Sätzen dahergaloppiert, bellte und fletschte grimmig die Zähne. Als er des Fremden ansichtig wurde, blieb er stehen, legte den dicken Kopf in übergroßem Staunen auf die Seite und wedelte verlegen ein paarmal mit dem grauen Schweif. Meier Pretschke dankte dem Tier mit einer kleinen, würdevollen Verneigung. Dann sah er sich unbekümmert im Garten um. Am Straßenzaun wuchsen Hagebuttenbüsche, die jetzt, zur Sommerszeit, von weißen und roten Heckenröschen strotzten. Der Alte trat herzu, steckte hier und da die Nase in einen Blütenkelch und labte sich, selig lächelnd, an dem zarten Duft. Schließlich griff er in das Strauchwerk und brach sich ein paar Blüten ab. Josche Gotthelf trat aus seinem Haus und stellte den Mann zur Rede. „Sagt, was reißt Ihr die Blumen vom Strauch?", fragte er mürrisch durch den grauen Bart hindurch. „Niemand kennt Euch hier, niemand weiß, ob Ihr des Nachts nicht kommen werdet, um mein Brennholz zu stehlen. Seid Ihr ein Melammed, warum kommt Ihr nicht wie jeder andre durch die Küchentür ins Haus herein? Seid Ihr aber ein Ganneff, warum stellt Ihr Euch am lichten Tag in meinen Garten und pflückt Euch Blumen, wo Ihr doch meine Kirschen pflücken könntet?" Meier Pretschke blickte dem reichen Juden ein wenig mitleidig in sein verwittertes Gesicht. „Ihr irrt Euch, guter Freund", 454