Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-01-01 · Heft 10 (Januar 1937) · p. 453

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 10 (Januar 1937)
Article
Meier Pretschke
Date
1937-01-01
Page
453 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895563-2906784--09439-2906837
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mala Laasen Meier Pretschke (Novelle) Der Fährmann war der erste aus dem Dorf, der den wunderlichen Alten vor Augen bekam. Er nahm ihn mit über den Fluß und fragte nicht groß, woher er sei. Es kamen zu jener Zeit viel Fremde aus Polen herüber, stiegen in die Fähre, sahen zu, wie das Wasser an den Rand des Bootes schlug, fragten vielleicht nach den Preisen für Holz und Vieh in der Niederung und bezahlten die Fahrt, sobald das Ufer erreicht war. Als Meier Pretschke an einem blanken Sommermorgen in den Kahn stieg, ahnte der Fährmann wohl nicht, wen er da über Wasser ins Dorf schaffte. Der Fremde trug einen zerlumpten Gehrock auf dem bloßen Leib; um den Hals hatte er ein dunkelrotes Sacktuch geschlungen, dessen Zipfel zwischen den Rockklappen auf die behaarte Brust fielen. Auf dem Kopf saß ein steifer zerlöcherter Hut, mit einer Krähenfeder geschmückt, und die Hosen, die ehemals bis zu den Knöcheln gereicht haben mochten, waren rund um die mageren Waden abgeschnitten, daß die strumpflosen Beine wie zwei Stelzen über das Gras gingen. Die Schuhe an den Füßen des fremden Mannes sahen viel zu groß und ausgetreten aus, und statt der Senkel war kunstvoll geknotetes Hanfband durch die Löcher gezogen. „Wie eine Vogelscheuche", dachte der Fährmann kopfschüttelnd. Neugierig sah er dem Fremden ins Gesicht. Da merkte er verwundert, daß in diesen Zügen eine stille, kindliche Würde lag, die nie der Zufall, stets nur das Leben selber auf ein menschliches Antlitz zeichnet. Die Augen waren von strahlend sanfter Bläue, der Ausdruck darin gemahnte an den tiefen, rührenden Blick eines jungen Schafes. Unter dem alten Hut hervor quollen lange weiße Locken, die so fein und seiden fielen wie die Haare eines kleinen Mädchens. Über den Schläfen hingen zag die beiden gedrehten Judenkringel, die einzigen augenfälligen Merkmale seiner Zugehörigkeit zum Stamme Judas. „Ein schönes Land", sagte Meier Pretschke ernsthaft, als die Fähre im hohen Schilf zur Ruhe kam. „Die Wiesen sind fett, man sieht es ja. Aber Wälder, Wälder, mein Freund, wo, frage ich, wo gibt es solche Wälder wie drüben in Polen? Wenn meine Sache zum Guten schlägt, will ich dir einmal alles zeigen, hörst du? Ich heiße Meier Pretschke, den Namen mußt du dir merken." Er klaubte umständlich ein abgegriffenes Buch aus der Rocktasche, zog einen Bleistift aus der lockeren Schlaufe und schrieb mit ruhiger Hand ein paar Worte auf eine leere Seite. 453

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.