Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Ländlicher Notstand
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 451 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ländlicher Notstand hat ihrem Mann kürzlich ein Kaninchenfell im Werte von fünf Groschen weggekauft. Solche Züge weisen auf die seelischen Schwierigkeiten hin, mit denen sich diese Menschen das Leben noch saurer machen, als es schon an und für sich ist. So hat sich einer, der sich als jüdischen Antisemiten bezeichnet, geweigert, an den hohen Feiertagen den Gottesdienst zu besuchen, und dessen Abhaltung damit ernstlich gefährdet Ein anderer zählt die Sünden des Vorstehers auf, entwickelt die selbstverschuldeten Ursachen der Hilfsbedürftigkeit der Antragsteller — man weiß, wer gibt und wer nimmt, und es läßt sich auch nicht verheimlichen — und gibt nichts. Obwohl man immer wieder auf die objektiven Ursachen der Hilfsbedürftigkeit hinweisen muß, kann man doch rein sachliche Bemerkungen über die persönlichen Gründe — Verschulden wäre zuviel gesagt — der Hilfsbedürftigkeit nicht übergehen. Es ist nicht zu leugnen: daß einer nicht hilfsbedürftig wird oder ein höheres Einkommen hat, ist vielfach das Ergebnis härterer Arbeit und größerer Entbehrungen. Wir lernten eine Familie kennen, in der Mutter und Tochter das bisher verpachtete Land wieder selbst bearbeiten, während der Mann dem Handel nachgeht. Leider war zu bemerken, daß die Verpflanzung junger Leute aus der Stadt auf das Land, meist durch Einheirat, sich im allgemeinen nicht bewährt hat. Sie sind das harte und entbehrungsreiche Leben nicht gewohnt und haben sehr rasch abgewirtschaftet. An sich hätten alle diese Menschen keinen Grund, sich durch seelische Spannungen das Leben noch bitterer zu machen. Denn eigentlich haben sie ohne Unterschied der Besitzverhältnisse die gleichen Sorgen: die Zwanzigjährigen wollen auswandern, die Schulentlassenen treiben sich zum Teil schon über ein Jahr lang zuhause herum, finden keine Lehrstelle und warten auf einen freien Platz in der Anlernwerkstatt. Daß überall die gleichen wirtschaftlichen Probleme zu bewältigen sind, versteht sich von selbst. So erweisen denn gerade die Unterhaltungen mit dem Personenkreis, der nicht im Sinne der Winterhilfe hilfsbedürftig ist, daß auf dem Lande zu leben in einem Augenblick, in dem jüdisches Leben weitgehend nur organisiertes Leben sein kann, an sich schon ein Notstand ist. So haben denn auch die Häuser, die keiner wirtschaftlichen Unterstützung bedürfen, genug sonstige Aufträge und Anträge für den Provinzialverband zu bestellen. Denn es gibt kein Haus, das den Provinzialverband und seine Beamten nicht kennt, wie auch umgekehrt diese über die Verhältnisse in jedem einzelnen Dorf und in jedem einzelnen Haus genau im Bilde sind. Während der Provinzialverband im Kreis bei neun von den dreiundzwanzig Antragstellern materielle Unterstützungen in irgendeiner Form zugesteht, hat er in der Kreisstadt keine Hilfe 4SI