Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Ländlicher Notstand
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 452 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich Rosenthal: Ländlicher Notsland geleistet. Von neun der städtischen Antragsteller werden sieben vom Städtischen Wohlfahrtsamt, von den dreiundzwanzig Antragstellern im Kreis sieben von der Kreiswohlfahrtsstelle unterstützt. Wenn es sich herausstellen sollte, daß der Provinzialverband sich mehr um das flache Land als um die Klein- und Mittelstädte bekümmern muß, dann wird die Erscheinung des im Auto von Ort zu Ort fahrenden Sozialarbeiters nicht mehr lange auf sich warten lassen. Denn von der Kreisstadt aus kann diese Arbeit nicht mehr bewältigt werden. Wer von seinem Vermögen oder einer auskömmlichen Rente leben kann, d. h. also ebenso über Zeit wie über Fähigkeit zu dieser Arbeit verfügt, ist in die Großstadt gezogen, und bis Ende des Jahres werden die Jugendlichen alle ausgewandert sein. Trotzdem ist die Synagoge stärker besucht als je zuvor, d. h. die Leute haben nichts Besseres zu tun, als auf diese Weise dem eintönigen Leben ein wenig Gestalt zu verleihen. Fängt der Gottesdienst nicht genau auf die Minute an, so läuft dann und wann einer weg, mit der zornigen Erklärung, er habe noch mehr zu tun, obwohl er genau so gut wie die andern weiß, daß er im Grunde nichts zu tun hat. Diese Szenen sind das Symptom für das Unbehagen, mit dem die Menschen ihre Berufslosigkeit ertragen. Morgens helfen sie ihren Frauen im Haushalt. So angenehm das den meisten Frauen auch zunächst gewesen sein mochte, so hat manche Frau heute bestimmt keinen brennenderen Wunsch, als ihren Mann zu beschäftigt zu wissen, als daß er ihr bei der Hausarbeit noch helfen könnte. Nachmittags trifft man im vorletzten Ladengeschäft, völlig ungestört auf der Theke sitzend, sechs bis sieben Leute, die sich die letzten Neuigkeiten erzählen und den Stadtklatsch in Fluß halten. Durch Schließung auch dieses Ladens wird selbst diese fragwürdige Anregung wegfallen. Andern dient ihr Telefon nur noch zu dem Zweck, sich zu einem endlos ausgedehnten Skat zu verabreden. Draußen rattert Lastauto auf Lastauto mit Zement, Kalk und Splitt von Fabrik und Bahnhof nach den Baustellen, und Lastauto auf Lastauto mit Fertigfabrikaten zur Bahn. Während die Baustellen nachts mit Scheinwerfern taghell erleuchtet sind, wünscht sich einer unserer Menschen, es möge doch erst um neun Uhr hell und um drei Uhr wieder dunkel werden. . . Daß wir am Ende unserer Rundfahrt durch den Kreis dem letzten feierlichen Gottesdienst in einer zum Abbruch verkauften Synagoge beiwohnen, ist in diesem Zusammenhang mehr als bloßer Zufall. Der Rabbiner, der in seiner Predigt die Bedeutung des Gotteshauses für das jüdische Leben darlegte, sprach zum Schluß die Hoffnung aus, daß, wohin auch immer die Juden verstreut werden sollten, sie doch immer wieder zur Stätte des Gebets als dem Zentrum jüdischen Lebens zurückfinden möchten. 452