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Der Morgen · 1937-01-01 · Heft 10 (Januar 1937) · p. 450

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 10 (Januar 1937)
Article
Ländlicher Notstand
Date
1937-01-01
Page
450 (sequence 4)
Language
German
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Erich Rosenthal das man konservieren kann. Suppengrün kostet nichts, und die Verarbeitung der Falläpfel, die man in der Großstadt für teures Geld kaufen muß, bedeutet für die Hausfrau eine unerwünschte zusätzliche Arbeit. In dem abgelegensten Teil des Kreises bebauen die Juden noch soviel Land, daß sie mindestens für die Hälfte des Jahres ihr Brotgetreide und ihre Kartoffeln haben. Bei einer reichen Zwetschgenernte kann man einen ganzen Baum für 1 RM. ersteigern, womit auch der Brotaufstrich teilweise gesichert ist. Von den Hühnern kann man im Herbst ab und zu eins im Suppentopf verschwinden lassen. Wenn man Glück hat, kann man für eine Mark ein fettes Huhn und für drei Mark eine Ziege erwerben. Dagegen ist Bargeld sehr knapp. Dienstleistungen werden vielfach mit Naturalien, mit einem Topf Milch, einem Laib Brot oder wieder mit einer Dienstleistung abgegolten. Man braucht aber doch Geld, um Steuern, Zinsen und Abgaben wie Licht-, Wasser- und Holzgeld zu bezahlen. Nach der Art der Lebensform darf vermutet werden, daß der geringste Teil des monatlichen Bareinkommens auf Lebensmittel und Kleidung entfällt, daß andererseits bei der Schätzung des Einkommens das Naturaleinkommen nicht angesetzt worden ist und auch gar nicht richtig eingeschätzt werden kann. Die Spannung zwischen auskömmlichem Naturaleinkommen und ungenügendem Geldeinkommen wird besonders deutlich in dem Wunsch vieler Familien nach Pflegekindern. Die an sich schon überlasteten Frauen scheuen nicht die Arbeit und die Mühe der Erziehung eines fremden Kleinkindes, weil sie dafür in jedem Monat mit dem Pflegesatz in Höhe von 25 RM. als einer durchaus sicheren Bareinnahme rechnen können. Der großen Nachfrage nach Pflegekindern steht jedoch nur ein so kleines Angebot gegenüber, daß dieser Wunsch meistens nicht in Erfüllung geht. Besser könnte man die Tatsache, daß das Geld auf dem Lande einen vielfach höheren Wert hat als in der Stadt, nicht belegen. Aufgrund des höheren Geldwertes lassen sich auch die Angaben über die Höhe des Einkommens verstehen, und man wird sie im allgemeinen gelten lassen müssen. Bestätigt wird diese Auffassung von dem höheren Werte des Geldes, wenn man an die herantritt, die zur Winterhilfe spenden sollen. Zunächst weisen sie darauf hin, daß sie Leute kennen, die die Unterstützung nicht brauchten oder moralisch nicht verdienten, da sie nicht zu wirtschaften verstanden hätten. Eine vermögende Frau ist der Meinung, daß nur die Allerärmsten unterstutzt werden dürften. Als sie auf die Antwort, daß man dann helfen müsse, wenn man die Löcher noch verstopfen könne, gar nicht eingeht, erkennt man den wahren Grund ihres Widerstandes: der Nachbar, der sein Einkommen aus dem Fellhandel mit acht Mark pro Monat angibt und selbstverständlich unterstützt wird, 450

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