Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Ländlicher Notstand
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 449 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ländlicher Notstand Zunächst sind einige Fälle von besonderem Notstand zu nennen. Da ist ein 71 Jahre altes Mütterchen, dessen einziges Einkommen aus der Rente für den gefallenen Sohn in Höhe von 12 RM. pro Monat besteht. Damit muß sie auskommen. Der zweite Sohn, der in der Großstadt lebt, kann seine Mutter nicht unterstützen, da er selbst der Wohlfahrt zur Last fällt. Sie hat für den dritten Sohn, der fast schon ein Jahr in Südamerika ist und nichts von sich hören läßt, eine Hypothek von 1200 RM. aufgenommen. Dafür soll sie monatlich 5 RM. abzahlen. Da man ihre Verhältnisse kennt, drängt man sie nicht. Für ihren kleinen Stall, den sie vermietet hat, erhält sie ab und zu einen Laib Brot. Sie hat entfernte Verwandte am Platz, mit denen sie sich nicht gut verträgt. Bei diesen nun hören wir, daß der Sohn aus Südamerika an gemeinsame Verwandte geschrieben hat, es gehe ihm nicht gut. Wir gehen zu der alten Frau zurück und sagen ihr wenigstens, daß er geschrieben hat. Ihr dringendster Wunsch besteht in einem Paar Filzpantoffeln, denn sie ist infolge der mit Sandsteinplatten ausgelegten Küche, die wohl selten geheizt ist, von Rheuma geplagt. In einem anderen Dorf weist man uns in ein Haus, in dem die Frau im vorigen Jahr einen Schlaganfall gehabt hat. Sie liegt seitdem meist zu Bett, der Arzt kommt schon lange nicht mehr. Der Mann muß den Haushalt führen und die Frau pflegen, infolgedessen kann er dem Geschäft nicht nachgehen. Da er noch Schulden hat, ist sein Kredit bei den Kunden vernichtet. Die siebzehnjährige Tochter ist in der Großstadt im Haushalt tätig und schickt monatlich 20 RM. nach Hause, wovon nach der Angabe des Vaters noch ein Teil zur Zinszahlung verwandt wird. Wenn es uns gelungen sein sollte, für diese beiden noch nicht bekannten Fälle Hilfe zu schaffen, dann hätte sich die Fahrt «schon gelohnt. Die bekannten Fälle aber liegen deswegen, weil sie bekannt sind, nicht leichter. Die wichtigste Frage, die sich erhebt, wenn man von krasser, vor allem durch Krankheit verursachter Notlage absieht, ist die nach dem regulären Lebensstandard. Betriebskapital ist meist lange nicht mehr da, auch das von der Sparkasse aufs Haus geliehene Kapital ist verwirtschaftet. Die kleinen, ursprünglich selbständigen Viehhändler sind häufig Agenten geworden, die den wenigen kapitalkräftigen Großhändlern Ware vermitteln und sich auf diese Weise ein paar Mark verdienen. In vielen Fällen helfen vermögende Verwandte oder Bekannte dadurch, daß sie zu Anfang der Woche oder einige Tage vor Marktbeginn Geld zum Handeln unter der Bedingung geben, daß zum Wochenende oder unmittelbar nach Marktschluß abgerechnet wird. An und für sich verhungert man auf dem Lande nicht. Im Garten zieht man Salat, Gemüse, Frühkartoffeln und Beerenobst, 449