Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Judentum und Umwelt in der Neuzeit
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 439 (sequence 7)
- Language
- German
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Judentum und Umwelt in der Neuzeit fähigkeit ist jetzt in allen cultivierten Ländern anerkannt", stellte am 20. November 1808 Minister v. Schroetter dem König Friedrich Wilhelm III. vor, der ihn beauftragt hatte, „eine neue Constitution für die Juden zu entwerfen". Die tatsächliche Stellung der Juden hatte sich im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts in allen Ländern grundlegend geändert. Die Meinung der Welt über sie hatte sich durch die persönliche Berührung mit ihnen gewandelt. Die Folgen traten zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts zutage. Die neue Zeit fand ihren Ausdruck in einer veränderten Gesetzgebung. Es kam das Zeitalter der Emanzipation. Die Befreiung trug für das Judentum ein doppeltes Antlitz. Sie öffnete ihm den Weg in die Welt und versetzte es damit zugleich in eine der schwersten Krisen seiner Geschichte. Die preußischen Staatsmänner wollten auf dem Wege der bürgerlichen Gleichberechtigung die Juden zur Taufe führen. „Ihr Übertritt, der jetzt, wo sie ihre unterdrückten Mitbrüder verlassen und die bis dahin mitgetragene Last auf sie abwerfen, um unter den vollberechtigten Christen mit dem Namen getaufter Juden belegt zu werden, nur unter besonderen Umständen zu entschuldigen ist, wird alsdann wünschenswert, erfreulich und wohltätig sein", so äußerte sich Wilhelm von Humboldt am 17. Juli 1809 in seinem Gutachten zu dem Schroetterschen Entwurf einer neuen Verfassung der Juden. Solche Gedanken und Hoffnungen der Staatsmänner begegneten sich mit Strömungen unter den Juden selber. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts schien dem Judentum in Deutschland in näherer oder fernerer Zukunft das freiwillige Ende bevorzustehen. Hundert Jahre vorher hatten die Juden noch vollkommen innerhalb der jüdischen Kultur gelebt, ihre Literatur war ausschließlich in hebräischer oder jiddischer Sprache geschrieben. Zwei Generationen später ist Mendelssohns Bibelübersetzung schon in einem herrlichen Deutsch abgefaßt, aber sie ist noch in hebräischen Lettern gedruckt, offensichtlich der Ausdruck einer Übergangszeit, bestimmt für Juden, die nicht mehr ausschließlich in der ererbten Überlieferung und noch nicht ganz in der noch fremden europäischen Kultur wurzelten. Aber von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehrte sich die Zahl der Juden, denen die angestammte jüdische Welt fremd und fremder wurde, und die Sehnsucht nach völligem Untertauchen in der Umwelt nahm zu. Die Form ihrer äußeren Verwirklichung war die Taufe. Die ersten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts sahen eine Taufbewegung, wie das Judentum sie bis dahin noch nicht erlebt hatte. Als ihr Höhepunkt gilt das Jahr 1803. So brachte der Eintritt in die europäische Kultur dem Judentum, zumal in Deutschland, die Gefahr der Auflösung als Folge staatlichen Willens und des Ver- 439