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Der Morgen · 1937-01-01 · Heft 10 (Januar 1937) · p. 440

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 10 (Januar 1937)
Article
Judentum und Umwelt in der Neuzeit
Date
1937-01-01
Page
440 (sequence 8)
Language
German
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Max Eschelbacher: Judentum und Umwelt in der Neuzeit haltens der jüdischen Schichten, die diesem Willen nicht die Kraft ihrer Selbstbehauptung entgegensetzten. Die jüdische Geschichte im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert ist unter anderem die Geschichte dieser Gefahr und ihrer Überwindung. Der drohende Untergang weckte die rettenden inneren Kräfte, in denen der Lebenswille des Judentums neu zutage trat. Das neunzehnte Jahrhundert hat uns in den verschiedensten Lagern das Judentum neu geprägt. Unsere Tora ist dieselbe geblieben, aber unsere schöpferischen Kräfte haben für sie einen neuen Ausdruck gesucht und gefunden, mannigfaltig verschieden in der Orthodoxie und im Liberalismus, überall aber Versöhnung suchend zwischen den früher getrennten Sphären, dem Judentum und der Welt. Das alte Lernen hat sich in der modernen Wissenschaft des Judentums verjüngt und erneut. Das Zeitalter der Nationalitätenbewegungen hat auch im Judentum die nationale Idee erweckt. 1862 widmete Moses Heß sein „Rom und Jerusalem", diese erste Programmschrift eines nationalen Judentums, „den hochherzigen Vorkämpfern aller nach nationaler Wiedergeburt ringenden Geschichtsvölker". Kräfte der Abstoßung wirkten von außen her in gleicher Richtung. Vier Jahre nach dem Erlaß des Hardenbergschen Emanzipationsedikts begann die Zeit der Reaktion. Nachdrücklich wurden damals und später die Juden daran erinnert, daß jene vollkommene Verschmelzung mit der Umwelt, von der mancher unter ihnen geträumt hatte, ein Traum geblieben war. Uns, dem lebenden Geschlecht, ist die Frage nach dem rechten Verhältnis von Judentum und Umwelt von neuem gestellt. Sie tritt als unser persönliches Schicksal vor uns hin. Die Geschichte gibt uns eine eindeutige Antwort. Am Beginn unserer Geschichte erging an Abraham das Wort Gottes: „Gehe aus deinem Lande und aus deinem Geburtsorte und aus deinem Vaterhause in das Land, das Ich dir zeigen werde." Seitdem hat sich der Schauplatz der jüdischen Geschichte mannigfach gewandelt. Es wechselten die Welten, in denen das Judentum zu leben und zu atmen hatte. Die Veränderung war immer ein schwerer, lebensgefährlicher Prozeß. Aber über alle Gefahr, über jede Einbuße und über den Untergang einzelner Juden und ganzer Gruppen hinweg ist das Judentum selber das Bleibende, das Dauernde und Beharrende geblieben. Das Ende einer Gestalt unserer Existenz enthüllte sich immer als der Anfang einer neuen Erscheinungsform jüdischen Daseins. Bis jetzt haben alle jüdischen Generationen die Wahrheit erfahren dürfen, die Mose beim Rückblick auf die Geschichte seiner eigenen Zeit, auf die, die verloren gegangen wie auf die, die erhalten geblieben waren, seinem Volke als das bleibende Ergebnis alles Wandels verkündet hat: „Ihr, die ihr dem Ewigen anhanget, lebet heute noch alle!" 440

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