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Der Morgen · 1937-01-01 · Heft 10 (Januar 1937) · p. 437

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 10 (Januar 1937)
Article
Judentum und Umwelt in der Neuzeit
Date
1937-01-01
Page
437 (sequence 5)
Language
German
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Judentum und Umwelt in der Neuzeit und Exegeten gelernt. Abraham ibn Esra, der Bibelerklärer des 12. Jahrhunderts, wird mit Ehren in der Geschichte der Mathematik, Levi ben Gerson im vierzehnten Jahrhundert in der der Astronomie genannt. Bei strenger räumlicher Trennung herrschte mehr unbewußt als bewußt ein enges Wechselverhältnis zwischen jüdischem und christlich-europäischem Geist. Moritz Güdemann, der Kulturhistoriker des jüdischen Mittelalters, betrachtet zwei maßgebende "Werke des dreizehnten Jahrhunderts, die Predigten von Berthold von Regensburg und das Sefer Chassidim von Jehuda Hechasid, wie Kinder desselben Geistes. Auch an engen persönlichen, auf tiefer Sympathie beruhenden Beziehungen fehlte es nicht. Ein Zeugnis dafür bildet Rembrandts Persönlichkeit und Werk. Alle seine biblischen Bilder zeigen, wie tief er sich in die Schrift versenkt hat. Einige, wie das Gastmahl des Belsazar, sagen dem kundigen Beschauer ohne Worte, daß er auf manchen Gebieten sogar ein rabbinischer Gelehrter im strengen Sinne des Wortes gewesen ist. Die Begründer des modernen Völkerrechts im siebzehnten Jahrhundert, der Engländer Seiden, der Holländer Hugo Grotius waren mit dem Talmud wohl vertraut. Sie haben Grundanschauungen dieser großen jüdischen Schöpfung in die Fundamente des eben entstehenden Völkerrechts eingebaut, so die Idee der „Frommen unter den Völkern der Welt", der „Chasside umot haolam". Die Juden hatten also in den Jahrhunderten der Absonderung und des Ghettos ihre eigene und eigentümliche geistige Welt, aber diese war reich und übte ihre Wirkung auf die europäische Kultur, von der sie selbst wiederum stark bestimmt wurde. Vom Beginn des siebzehnten Jahrhunderts ab treten die Juden aus dieser ihrer geistigen Heimat allmählich ebenso heraus wie aus dem räumlichen Ghetto. Sie gewinnen zugleich langsam menschlich engere Beziehungen zu den nichtjüdischen Menschen. Gelegentlich hatten sich unter ihnen schon früher Männer gezeigt, in denen ein neuer Geist überraschend sich offenbarte. Lange verschollenes Judentum erstand in ihnen neu, sie stellen eine jüdische Erscheinungsform der Renaissance dar. Solch ein Mann war Asarjah de Rossi aus Mantua gewesen, 1513—1578. Sein „Meor Enajim", die „Augenleuchte", bezeugt den Einfluß der Zeit und ihres Geistes auf einen Juden im Ghetto. Er ist der Vorbote einer neuen Zeit, freilich noch auf lange hinaus ein vereinzelter Zeuge. Aber im achtzehnten Jahrhundert ändert sich das Bild. Jetzt mehren sich die Anzeichen, daß das Judentum mit der geistigen Welt draußen in engere Berührung kommt. Mit dieser inneren Wandlung verbindet sich zugleich ein neues Verhältnis zur Umgebung. Man betrachtet gewöhnlich Moses Mendelssohn, 1729—1786, als den Repräsentanten dieser Entwicklung. In der Tat wirkt er 437

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