Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Judentum und Umwelt in der Neuzeit
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 436 (sequence 4)
- Language
- German
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Max Eschelbacher fällt dadurch ein Abglanz von geschichtlicher Bedeutung." Die „Stättigkeit" von 1616 entsprach hundert Jahre später nicht mehr der geänderten Zeit. Trotzdem blieben die Bemühungen der Juden im Ganzen fruchtlos, und das Ghetto blieb in Frankfurt das ganze 18. Jahrhundert hindurch bestehen. Der gewaltige Gang der Geschichte hat ihm dann ein Ende bereitet, das niemand erwartet hatte. Als die Franzosen 1796 Frankfurt belagerten, schössen sie einen Teil der Stadt in Brand, darunter die Judengasse. 1800 von den 3000 Juden, die damals dort lebten, wurden obdachlos. Sie mußten außerhalb der nicht mehr bestehenden Judengasse, in der Stadt, ein Unterkommen suchen. Das Ghetto ist dann in Frankfurt nicht wieder erstanden. Die räumliche Trennung der Juden von ihren Nachbarn hatte aufgehört. Sie sind seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts als Bürger in die Welt ihrer Mitbürger eingetreten. Mit dem Fortfall der räumlichen Beschränkungen eröffnete sich den Juden auch geistig in der Neuzeit ein weiterer, umfassenderer Bereich, die Welt des europäischen Geistes und der europäischen Gesellschaft. Dieser Prozeß vollzog sich in ganz Europa. Wir begnügen uns hier mit dem Nachweis für Deutschland. Der Jude des Mittelalters hatte in seiner eigenen, der jüdischen Welt, gelebt. In manchen Epochen hatte er in verschiedenen Ländern, insbesondere in dem spanisch-arabischen Kulturkreise, in einer engen Berührung mit anderen geistigen Welten gestanden. Aber im Ganzen war sein Raum eben doch der ererbte und überlieferte, der jüdische. Der gelehrte Jude kannte die hebräische Bibel, insbesondere die Tora und die klassischen hebräischen Erklärer. Er war mit der großen Welt des rabbinischen Schrifttums vertraut, mit dem Talmud und seinen Kommentatoren, mit den Meistern der religionsgesetzlichen Fragen, und mit dem Schulchan Aruch, in dem deren Wirksamkeit im sechzehnten Jahrhundert ihren Niederschlag gefunden hatte. Er schöpfte seine Philosophie aus jüdischen Quellen, vorwiegend aus dem „Führer der Verirrten" von Moses Maimonides. Er lebte in der religiösen und weltlichen hebräischen Poesie dieser Jahrhunderte. Aber von Wissenschaft, Dichtung und Philosophie außerhalb das Judentums, von Thomas von Aquin oder Nicolaus von Cues, von Walther von der Vogelweide wird er wohl nur in seltenen Fällen gewußt haben. Das Judentum führte geistig in hohem Grade, wenn auch nicht ausschließlich, ein Sonderleben. Der mittelalterliche Jude war auf seine Art reich, er stand auf seine Weise auf der Höhe der Zeit. Das bekundet auch der Einfluß, den er ungewollt auf die Bildung des europäischen Geistes in diesen Jahrhunderten ausübte. Von jüdischen Grammatikern und Sprachwissenschaftlern haben die christlichen Orientalisten 436