Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Judentum und Umwelt in der Neuzeit
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 435 (sequence 3)
- Language
- German
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Judentum und Umwelt in der Neuzeit bieten bestand es noch in voller Kraft. Aber im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts wurde es überwunden, durch die veränderte Welt, durch die Anstrengungen der Juden und durch unberechenbare Mächte der Geschichte. Mit dem Falle der Ghettomauern begann dann ein neuer Abschnitt in den Beziehungen der Juden zur Welt. Ein einleuchtendes Beispiel für diesen Lauf der Dinge liefert die besonders genau erforschte Geschichte der Stadt Frankfurt a. M. und ihrer jüdischen Gemeinde. In Frankfurt bestand seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts ein Ghetto. Die Gesetze der Freien Reichsstadt verboten den Juden jegliche Niederlassung außerhalb der Judengasse. Die städtische Verwaltung, der Rat, wachte mit äußerster Energie über ihrer Durchführung. Trotzdem ist das Ghetto nach einem zähen, hundert Jahre andauernden Kampfe schließlich verschwunden. Die jüdische Gemeinde wuchs an Bedeutung durch die wirtschaftliche Tätigkeit und die steigende Bildung ihrer Mitglieder. In der Bevölkerung regte sich die Achtung vor ihnen. Als 1711 ein Brand einen großen Teil der Judengasse in Schutt legte, fiel den Zeitgenossen „die stille Geduld" auf, mit der die Juden ihr schweres Schicksal ertrugen. Johann Jakob Schudt stellte sie deshalb als Muster für die Christen hin. Er war ein Judenfeind, wie sein Buch „Jüdische Merkwürdigkeiten" (1714—17) bekundet. Aber auch auf ihn wirkte die seelische Kraft der schwer getroffenen Juden. Dieser Respekt mochte die Heraufführung der neuen Zeit beschleunigen. In zahlreichen Prozessen haben die Juden selbst gegen den Rat um das Recht der freien Niederlassung gekämpft. I. Krakauer, durch dessen „Geschichte der Judengasse in Frankfurt a. M." wir über diese Rechtshändel unterrichtet sind, schildert besonders eingehend die Prozesse um den Bleichgarten, ein Grundstück außerhalb der Judengasse, das Samson Wertheimer, der „Hofjude" von Josef I. und von Leopold I., nach langen Auseinandersetzungen mit dem Rat erwarb. Krakauer schildert die beiden Welten, die einander in diesem Ringen gegenüberstanden: „Die bürgerlichen Deputierten waren davon durchdrungen, daß auf ihrer Seite Wahrheit, Recht und Gesetz ständen. Ein Grundpfeiler der Stättigkeit, an dem seit Jahrhunderten nicht gerüttelt worden, war jetzt zu Fall gebracht. Aber auf Seiten Samson Wertheimers stand ein höheres, ungeschriebenes Gesetz. Was konnte ihm, einem der reichsten Männer seiner Zeit, an dem Besitz einiger Quadratruten Landes liegen, inmitten einer Stadt, die er nur hin und wieder einmal betrat! Aber indem er um diesen Besitz kämpfte, wollte er wenigstens eine der Schranken niederreißen, die den Juden von seinem christlichen Stadtgenossen trennten. . . . Auf den sonst gleichgiltigen Kampf um den Bleichgarten 435