Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Judentum und Umwelt in der Neuzeit
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Eschelbacher 1875 eine Mischehe nur möglich, wenn der christliche Teil Jude oder der jüdische Christ wurde. Die dadurch von vornherein zwischen Juden und Christen herrschende Distanz offenbart sich in dem ganzen Verlaufe unserer Geschichte. Diese verläuft in Wellenlinien. Sie schwankt zwischen Perioden der Annäherung und des Vertrauens und Zeiten der Entfremdung und des Bruches. Eine vollkommene Verschmelzung ist nur in einzelnen Fällen eingetreten. Es soll hier das Verhältnis zwischen Judentum und Umwelt in der Neuzeit betrachtet werden, etwa vom Beginn des siebzehnten bis zu dem des neunzehnten Jahrhunderts. Soweit es sich um Juden handelt, unterscheidet sich diese Epoche vom Mittelalter in einem charakteristischen Zug. Das Mittelalter war die Zeit des Ghetto, in räumlicher und geistiger Beziehung. In der Neuzeit aber überwindet das Judentum das Ghetto, und die Welt selbst öffnet es. Eine neue Zeit bricht an. Schicksalsgenossen finden sich überall zusammen. So werden wohl auch immer schon in frühester Zeit Juden unter Juden gewohnt haben. Aber wer nicht wollte, konnte sich damals auch allein oder außerhalb der Judengasse niederlassen. Das Mittelalter hat dann dieser Wohnfreiheit des Juden ein Ende gemacht und ihn in zunehmendem Maße in bestimmte Straßen oder Viertel verwiesen. Erst in der Neuzeit ist die Welt für den Juden wieder weiter geworden. Er trat aus dem Ghetto heraus, in jedem Sinne, räumlich und geistig. Sein Raum wurde größer. Länder, die sich ihm einst verschlossen hatten, öffneten sich ihm wieder. Aus England waren die Juden 1290 fast vollständig vertrieben worden. Mehr als dreihundert Jahre hindurch wohnten Juden dort nur vereinzelt. Aber die Zeiten wandelten sich. Das Urteil des Mittelalters wurde revidiert. Der welthistorische Prozeß wurde in einem Wiederaufnahmeverfahren, in dem die Geschichte selber zu Gericht saß, von neuem aufgerollt und anders entschieden. Das Gesetz, das unsere Geschichte beherrscht, der enge Zusammenhang zwischen der Ehre des Juden und der Ehre der Bibel, setzte sich im England der Puritaner durch. So kam es, daß der Erneuerer Englands, daß Oliver Cromwell nach einer Unterbrechung von 366 Jahren, 1656, den Juden wiederum die Ansiedlung gestattete. In deutschen Territorien gestalteten sich die Dinge ähnlich. 1573 waren die Juden aus der Mark Brandenburg verwiesen worden. Aber 1673 erlaubte der Große Kurfürst 50 jüdischen Familien, die im Jahre zuvor aus Wien vertrieben worden waren, von neuem die Niederlassung. In den Ländern und Territorien, in denen sie neu zugelassen wurden, war das Ghetto unbekannt geworden. In anderen Ge- 434