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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 419

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Engländer und Juden in Palästina
Date
1936-12-01
Page
419 (sequence 3)
Language
German
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Engländer und Juden in Palästina Kriminialabteilung), gegebenenfalls durch den LS. (das Spionagebüro), schlimmstenfalls durch die bewaffnete Exekutive gelöst. Daß die Farbigen ihr eigenes, dem weißen Beamten unverständliches Leben führen, ist ihm uninteressant, solange die äußerlich servile Haltung der eingeborenen Beamten und des mit der Administration in Berührung kommenden Teils der Bevölkerung sich nicht ändert. In Palästina aber stößt der Mann, der gestern in einem Bungalow in einem exotischen Land regierte, plötzlich auf Menschen, die nicht einmal daran denken, servil zu sein, deren Standard nicht tiefer ist als seiner, auf Menschen, die sich von ihm nicht durch die Hautfarbe und in vielem auch nicht in den Äußerungen ihres Denkens unterscheiden. Er versteht sie zwar ebensowenig wie er den Kontinentaleuropäer versteht, doch merkt er sofort, daß zwischen ihnen und den Malaien oder Negern von gestern ein himmelweiter Unterschied besteht. Dies macht ihn unruhig. Die Unruhe aber steigert sich zur Abwehr, wenn er erkennt, daß dieses Element in seiner „geradezu englischen" Ansicht von unveräußerlichen Menschenrechten schwieriger zu regieren ist, als die Natives an der Goldküste oder in Betshuana-Land. Die Menschen, mit denen er hier zu tun hat, kennen die Gesetze sehr genau und wissen überdies, daß es noch dazu internationale Abkommen gibt, die nur für sie gemacht wurden. Dieser man in the street, der sofort den Richter anruft, wenn er glaubt, von einem Polizisten ungerecht behandelt worden zu sein, wird nicht wie sonstwo eine tiefe Verbeugung machen und hinterher aus einer Seitengasse einen Stein auf den Polizisten werfen; dieser Mann ist nicht durch den G.I.D. und nicht durch Gewehre zu regieren, sondern verlangt täglich neue Gedankenlätigkeit. Es gibt keine Norm für diese merkwürdigen Natives, man muß immer von neuem mit unbekannten Faktoren experimentieren, und das mit Elementen, die auf der einen Seite Objekte der Administration sind, nicht anders wie Malaien in den Straits oder wie Neger im Buschland, auf der andern Seite aber sehr vorsichtig und höflich behandelt werden müssen, weil sie für das Empire wichtige wirtschaftliche Werte kontrollieren. Es entsteht ein dauernder Zwiespalt, eine dauernde Unsicherheit im Leben des britisch-palästinensischen Zivilbeamten. Ein Native, der, tägliches Objekt der Berichterstattung der Weltpresse, dauernd im Licht des internationalen Interesses steht, ist kein vergnügliches Objekt; der Beamte, dem es um ein reibungsloses Avancement geht, kann ihm also nicht besonders freundlich gegenüberstehen. Nun gibt es in Palästina aber auch einen anderen Bevölkerungsteil, der größtenteils, nicht nur in der Farbe, sondern auch in den Ausdrucksformen, den Leuten ähnelt, mit denen der Beamte früher zu tun hatte: die Araber. Der arabische man in the street kann ohne weiteres nach dem alten Kolonialschema behandelt werden; die Schwierigkeiten, die von ihm kommen, werden einfach vom Sicherheitsdienst erledigt, und wenn sie in die Politik hinüberspielen, leitet man sie automatisch nach London weiter, wo die Herren sitzen, die die Dinge zwar nicht aus eigener Anschauung kennen, aber infolge ihrer Stellung die einzig Verantwortlichen sind. Neben diesen das Regieren vereinfachenden Tatsachen gibt es noch einige rein psychologische Faktoren, die die Parteinahme für die arabische Bevölkerung versländlich machen. Vor allem die Romantik: in jedem englischen Kolonialbeamten steckt ein Stück Lawrence, ein kleines Stück- 419

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