Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Engländer und Juden in Palästina
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 420 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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M. Y. Ben-Gavriel: Engländer und Juden in Palästina chen von jenem seelischen Element, das sich zu dem restlos Andersartigen, Bunten, mit Romantik Umkleideten hingezogen fühlt Der Beduine, der patriarchalisch durch die Wüste zieht, der am Alten festhält, wie man es als „arabisch" in der Schule und in den Abenteurerromanen der Jugend gelernt hat, der Fellache, der heute noch das Leben und die Gebräuche der Bibel lebt, muß natürlich die Phantasie eines Bibelgläubigen in weit stärkerem Maße entzünden als die trotz ihrer Unverständlichkeit so nahen Massen der Juden, die in ihrem Kampf um das Da-Sein, das durchaus nicht romantisch erscheint, Häuser bauen wie irgendwo in England, den Boden bearbeiten wie irgendwo in England und beinahe so gekleidet sind wie die Leute daheim. Dazu kommt noch, daß überall, in allen Ländern der Welt, die Beamten Fäden zu den führenden Adelsfamilien, zu den „Effendis" knüpfen. Da aber die Juden keine Effendis im Sinn der arabischen Gentry haben und ihre Gastsitten weit weniger zeremoniell-romantisch sind als die der Araber, ist es natürlich, daß der — geringe — gesellschaftliche Verkehr sich fast ausnahmslos auf die Häuser der reichen arabischen Gesellschaft erstreckt. Daß dort politische, beinahe immer politische Gespräche geführt werden, ist eine Selbstverständlichkeit, so daß nur ein sehr starkes kritisches Verständnis der Lage vor einer einseitigen Beeinflussung schützen kann. Ein derartiges kritisches Verständnis ist aber nur bei Menschen vorhanden, die sich tief mit einer Sache beschäftigt haben. England hat nun infolge seines jahrhundertealten Interesses für arabische Geographie, arabische Folklore und arabische Politik die größte Arabienliteratur der Welt hervorgebracht. Der englische Beamte, der nach Palästina geht, ist also von vornherein arabophil. Dieser Beamte, der zu Hause mit Juden kaum etwas zu tun hatte, dem man in der Schule keine Literatur über Juden in die Hand gab und der die Juden, von denen er in der Bibel gelesen hat, hier nicht mehr vorfindet, kommt; zum Araber wie zu einem Mann, den man zwar persönlich nicht kennt, von dem man aber bereits so viel gehört hat, daß man genau weiß, wie man ihn behandeln muß. Er weiß z. B., daß man einen Araber nicht nach der Frau fragen darf, während eine englische Beamtengattin, die zwei Jahre neben Tel-Aviv wohnte, sagte: „Tel-Aviv, das ist so eine Art jüdischer Kommunistensiedlungen" —. So muß der englische Beamte also zu dem Schluß kommen, daß nur die Anwesenheit des jüdischen Elements im Land und die unglückselige Balfour-Deklaration das Regieren erschwere. Gäbe es nur Araber in Palästina, dann wäre der Dienst nicht anders als in irgendeiner Kolonie des Empire, es wäre eine reine unkomplizierte Frage der Macht und der Erhaltung der Macht. Das Problem ist, meiner Ansicht nach, nicht lösbar. Es sei denn, daß die Juden sich anglisieren — was übrigens auch nur in gewissen Grenzen die Situation erleichtern würde —, oder aber, daß das englische Beamtentum in Palästina erblich würde. Da beides aber nicht in Frage kommt, ist ein gesundes Miteinanderleben nur dann möglich, wenn beide Teile, die Andersartigkeit des andern zur Kenntnis nehmend, in ihr keine Wertfrage, sondern eine unumstößliche, aus der Entwicklung sich ergebende Tatsache sehen, mit der in jedem Fall gerechnet werden muß. Der Engländer in Palästina darf nicht über Juden und Arabern und auch nicht zwischen ihnen, sondern muß mit ihnen stehen. Das ist die einzige Möglichkeit für das Land und für das Empire. 420