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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 406

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Die Stadt
Date
1936-12-01
Page
406 (sequence 4)
Language
German
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Heinz Berggrün „Nein, ich kenne ihn auch nicht," unterbrach ihn der Fremde, „wahrscheinlich verwechselt er mich mit jemand anders, sowas kommt ja vor." Und während der Kellner sich entfernte, um sich zwei neu eingetroffenen Gästen zuzuwenden, überlegte der Fremde, ob es nicht möglich gewesen sein könnte, daß der Mann, den Herr Tarani in der Nacht in seinem Zimmer aufgesucht hatte, ein ganz anderer sei als er und daß er nur zufällig von der ganzen Sache gehört habe. Es war ja auch grotesk: der Mann, mit dem der Geschäftsführer in der Nacht gesprochen hatte, wußte nicht einmal den Anlaß seines Aufenthaltes anzugeben, in jeder Hinsicht mußte er einen verdächtigen Eindruck erwecken — aber was hatte dieser Mann mit ihm zu tun? Bitte sehr, er wußte ganz genau, was er wollte (obwohl er es übrigens an diesem schönen Herbstvormittag und bei diesem guten Frühstück fast vergessen hätte!): er wollte sich bewerben, man hatte sozusagen eine Stellung für ihn, fast schien es ihm in diesem Augenblick, als warte man geradezu auf sein Erscheinen, und so rief er eilig den Kellner, ließ sich genau den Weg nach der Hochmeisterallee erklären, zahlte und ging. Die Hochmeisterallee liegt dort, wo die Stadt im Westen ganz plötzlich abbricht. Ohne daß man es ahnen könnte, geht sie von der strengen Geregeltheit sorgfältig asphaltierter Straßen mit vier- und fünfstöckigen modernen Häusern über in die Ungeordnetheit querfeldein sich schlängelnder Landwege, unkrautüberwuchert und von grauen Regenlachen überzogen. Vereinzelt stehen hier zwischen baufälligen und unbenutzten Schuppen laubenartige Häuschen mit Wellblechdächern, zumeist von Wohlfahrtsempfängern bewohnt, auch ein ausrangierter und als Wohnung zurechtstaffierter Straßenbahnwagen ist darunter. Der Weg vom Cafe hierher an die Peripherie der Stadt, den der Fremde in Ermangelung einer günstigen Fahrverbindung zu Fuß zurücklegte, dauerte eine gute halbe Stunde. Er mußte langsam gehen, denn das Knie begann wieder heftiger zu schmerzen. Oftmals blieb er stehen, um sich ein wenig auszuruhen und den Schweiß von der Stirn zu wischen, denn die Sonne brannte nun ziemlich stark, und die baumlosen breiten Straßen, durch die er ging, boten keinen Schutz. Je mehr ihn der Weg erschöpfte, um so stärker drängte sich ihm in der Vorstellung die nächtliche Begegnung mit Herrn Tarani auf, und was er im Cafe noch als absurd zurückweisen wollte, erschien ihm jetzt durchaus zutreffend: daß nämlich keine Verwechslung vorliege, daß niemand anders als er selbst es gewesen war, der zögernd und unsicher den inquisitorischen Fragen des Geschäftsführers auszuweichen suchte. Und doch schien es 406

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