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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 405

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Die Stadt
Date
1936-12-01
Page
405 (sequence 3)
Language
German
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Die Stadt Es war ein prächtiger Herbstvormittag. Die Bläue des Himmels, von kleinen Wolkentupfen durchsetzt, stand leuchtend über der Straße, durch die der Fremde schritt, ein leichter Wind strich angenehm kühlend über sein Gesicht; vergnügt betrachtete er mehrere Kinder, die in einer schattigen Hauseinfahrt ein Wettrennen zwischen winzig kleinen silberglänzenden Rennautos veranstalteten. Er setzte sich auf die Terrasse eines Cafes an der Ecke der Straße, um zu frühstücken. Die Stille in dem bequemen Korbstuhl unter der rotweiß gestreiften Markise tat ihm wohl. Der Kellner begrüßte ihn mit respektvoller und doch vertrauter Freundlichkeit, als zählte er nun schon seit Jahren zu seinen geschätzten Gästen. Dankbar ging der Fremde darauf ein, und mit dem gleichen anspruchslosen Vergnügen, mit dem er vorhin die Kinder in der Hauseinfahrt beobachtet hatte, verfolgte er nun die Bewegungen des Kellners, der ein frisches Tuch über den Tisch breitete und dann geschickt und diskret Eßgerät darauf verteilte. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit aß der Fremde ohne Hast, er freute sich an dem knackenden Geräusch der Brötchen, die er aufschnitt und mit eisgekühlter Butter bestrich, an dem herben Duft des dampfenden Kaffees, an den bunten und sauber leuchtenden Farben der Konfitüre. „Wir haben lange nicht einen so schönen Tag gehabt," sagte der Kellner, „man wird ordentlich froh bei solchem Wetter." „Ja," erwiderte der Fremde, „übrigens hat das Frühstück ganz vorzüglich geschmeckt. Bringen Sie mir noch ein Glas Wasser?" Er saß in den Korbstuhl zurückgelehnt, die Beine lässig nach vorn gestreckt, und betrachtete gleichmütig die Passanten, die an der Terrasse vorbeigingen. Der Kellner stellte ihm das Wasser auf den Tisch, da bemerkte der Fremde Herrn Tarani, der, eine Aktenmappe unterm Arm, eilig die Straße heraufkam. „Kennen Sie diesen Herrn dort?", fragte er den Kellner und zeigte mit dem kleinen Finger auf den Geschäftsführer. „Gewiß," sagte der Kellner, „es ist Herr Tarani, der Leiter von dem Hotel da hinten mit den bläulichen Lampen vor der Tür, außerdem ist er Stadtverordneter, ich glaube, von der konservativen Fraktion. Sie kennen ihn nicht?" „Nein," sagte der Fremde, „ich bin nämlich von außerhalb." Währenddessen war Herr Tarani — trotz der sommerlichen Wärme trug er den gleichen dicken Gehrock wie in der Nacht zuvor — dicht an die Terrasse herangekommen, bemerkte jetzt den Fremden und grüßte ihn kurz, wobei er die Lippen ein wenig spöttisch herabzog. „Sie kennen ihn also doch?" fragte der Kellner verwundert, „eben sagten Sie noch..." 405

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