Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Das Lehrhaus
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 401 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Lehrhaus auf echte Erwachsenenbildung also, ankam. Die methodische Problematik von Erwachsenenbildung und Volkshochschule war im Jüdischen wie im Nichtjüdischen die gleiche. Das Besondere des jüdischen Lehrhauses kann sich aber nur am Materiellen, d. h. an der Substanz von Mensch und Lehrstoff und an der wirklichen Beziehung zwischen diesen beiden Elementen ausweisen. Wie kommt der spezifische Lehrstoff zustande? Im Lehrhaus ist die Beziehung zwischen Lehrer, Schüler und Lehrstoff nicht in gradliniger Verbindung und einsinniger Richtung so gegeben, daß ein fertiger und in fester Bewertung vorliegender Bildungsstoff vom berufenen Lehrer dem Schüler oder einer zur Lerngemeinde erst zu bildenden Schülerschar dargereicht werden könnte; vielmehr muß durch die eigene Gemeinschaft zwischen Lehrer und Schüler (ja sogar deren Vertauschbarkeit) in Wunsch, Frage und Antwort das Bildungsgut als solches aus dem Gelebten erst erzeugt werden. Unser gesamter jüdischer Existenzinhalt tritt erst durch das Gemeinwerk des Lehrhauses (dazu gehört auch die enge, fast zu einer Bruderschaft verbundene Zusammenarbeit der Lehrer) in ein geistiges Fürsichselbstsein und erlangt so den Wertcharakter des Bildungsgutes. Der zu uns kommende Lebensstoff wird zum Bildungsgut durch das Jüdischsein von Lehrer und Schüler. Bei uns ist also nicht Bildung, die einer Schar um ihrer Volkwerdung willen gegeben werden soll, das erste, sondern, wie in allem Jüdischen, die Gemeinschaft, die ihren Lebensgehalt als ein sinnerfülltes Gemeinwesen — und das heißt: die Bildung — erfährt und herausstellt, die sich selbst im Geiste erwirbt, um sich im Leben zu besitzen; ihr Stoff aber ist das in ununterbrochener Folge von Mund zu Ohr Überlieferte — all unsere Lehre und Geschichte — und das in ungehemmtem Strom unseren Sinnen Erfahrbare — all unser Wissen und unsere Gegenwart. Den Völkern der Welt mag Bildung gegeben und Gemeinschaft aufgegeben sein; uns ist Gemeinschaft gegeben und Bildung aufgegeben. Dort ist Bildung das zur Gemeinschaft leitende, vor den Völkern — aber von ihnen abgelöst — herleuchtende Bild; hier ist Bildung, als dauernd führende Arbeit, die Kraft, welche die Sinneinheit, den Sinnglauben der Gemeinschaft bewußt machen und hüten soll. Hier wird die Bedeutung der echten Lehrhausarbeit sichtbar, die um der Einheit willen alles in sich hineinnimmt und um der Gemeinde willen keiner Richtung dient. Freilich wird auch die Gefahr deutlich, die darin besteht, daß in jedem Augenblick der Erarbeitung unseres Bildungsgutes dieses zu einem isolierten Gebilde des Geistes werden könnte, — wenn es uns einfallen sollte, in einer Sphäre eigener Geisteskultur werden zu wollen „wie alle Völker". Aber der unablenkbare Blick auf die im Bildungswerk in unser Bewußtsein gehobene jüdische Existenz 401