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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 402

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Das Lehrhaus
Date
1936-12-01
Page
402 (sequence 7)
Language
German
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Eduard Strauß: Das Lehrhaus bannt diese Gefahr der Loslösung, und es offenbart sich die Aufgabe an der Welt, die nur dem geist-leiblichen Ganzen des Einen Volkes gestellt ist. Das Lehrhaus, das am personhaften Leben der jüdischen Gemeinschaft die Flamme des bewußten Geistes entzündet, macht immer wieder kund, was wir zu leben und zu leisten geheißen werden, auf daß komme, was Allen verheißen ist. Was wir geheißen werden und was verheißen ist, Aufgabe und Zeichen, werden im Lehrhaus nicht so „lehrbar" wie etwa eine sokratische Tugend, sondern sie werden — Weisung in Einem — gelernt, wie wir eben immer „gelernt" haben. Und Gegenwart und Vergangenheit — Geschichte in Einem — werden genau in dem Sinne gelernt, wie wir die Worte der Tora nicht von uns lassen und wie wir unsere Geschichte beten. Was wir uns als jüdische Bildung erarbeiten müssen — eine Arbeit, die auch der gelehrteste „Fachmann im Jüdischen" an sich selber zu leisten hat — enthält unsere Ratio, aber es ist nicht rationalistisch; es deutet unser Leben und gehört eben deshalb nicht dem bloßen Leben, sondern dem Geiste an. Das Lehrhaus, in dem diese deutende Arbeit sich vollziehen soll, kann sie nur dann leisten, wenn es sie weder als „Sozialpolitik", noch als „Sozialpädagogik" — neuzeitliche, völlig säkularisierte Zielsetzungen — betreibt, sondern wenn seine Verpflichteten in jedem Wort und jeder Tatsache das erfühlen, was ein jüdisches Lehrhaus zuletzt und einzig wirken soll: messianische Erziehung. Mit dieser Forderung hat sich die Überlieferung des alten jüdischen Lehrhauses in das heute wirkende Lehrhaus fortgesetzt. Die Zeit aber hat. das Lehrhaus vor eine große, stetig — aber nicht übereilt — wachsende Reihe neuer Aufgaben gestellt, die in ihrer Vielgestalt beweisen, daß wir nichts zu verlieren brauchen, wenn wir nicht wollen, und daß die Institution des Lehrhauses uns alles Bildungsgut in voller Unverletztheit erhalten kann. Muß nun die Verbreiterung der Menge nichtjüdischen Stoffes dem Lehrhaus für" eben diese Bildungsgüter weitere Formen aufnötigen, und kann in manchem die trauliche Enge des alten Hauses durch diese neue Weite eine scheinbare Einbuße erleiden, — was einst in die Grundmauern gelegt worden ist, wird wirksam bleiben. Was die Zeit verlangt, wird das Lehrhaus ihr geben. Aber es wird nicht überhören, was die jüdische Ewigkeit von ihm verlangt: das ewig lebende Wort der Heiligen Schrift und der urlebendige Laut der hebräischen Sprache müssen inmitten all seiner Arbeit tönen. In einem begegnen sich heute Augenblick und Ewigkeit: in der Heimkehr des jüdischen Menschen. Und das ist es, was uns jetzt im Lehrhaus bewußt wird: diese Heimkehr ist keine Flucht, sondern der Weg aufwärts. 402

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