Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Das Lehrhaus
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 400 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Eduard Strauß niemals Besitz schafft, sondern Dasein verfälscht. Im Lehrhaus ist die Spannung fruchtbar geworden, die im jüdischen Bewußtsein zwischen dem weiten Umgreifen der Welt, dem Ergriffenwerden von ihr und der tiefen Einkehr ins Eigene besteht. Das Lehrhaus ist der Ort geworden, an dem das Fremde aufhören durfte, fremd zu sein, weil es hier in unserer Weise erfaßt werden konnte. Hier wurde — und wird trotz Allem heute, weil wir es mit wesenseigener Kraft angehen — jedwedes geistige Gut an seiner Stelle wertvoll und unverlierbar unserer Wirklichkeit eingebaut. Der geoffenbarten Fülle des „Höre Israel" entspricht hier die geschaffene Fülle, die das Wort umschließt: „von allem, was Seinem Mund entfährt, lebt der Mensch". Das Lehrhaus, das dem ganzen Leben, dem Kern inmitten wie der Begebenheit an den Grenzen gleicherweise zugeschworen ist, hat in der Zeit, weil es in ihr mit allem jüdisch sein will, die Verpflichtung, seine Arbeitsweise neben den Stellen ähnlicher Arbeit draußen darzulegen — wobei Anerkennung und Dank ebenso betont werden sollen wie der Wille zum Eigenen. Diese Stellen haben ja auch unser jüdisches Leben mitgestaltet und sind in wesentlichen Teilen unserem Tun analog. Gemeint ist hier die Wissenschaftsarbeit der Akademie (deren Lehrform die Universität ist) und die Lehrarbeit der Volkshochschule. Die akademische Wissenschaft und ihre Forschung lebt von einer dem Jüdischen im Ursprung fremden (griechischen!) Methodik; eine Spätblüte aus dem Samen des deutschen Idealismus ist die in der Objektivität der akademischen Haltung aufgewachsene Wissenschaft des Judentums. In ihr war und ist des Büchermachens kein Ende, aber — und darauf hat Rosenzweig in seinen ersten programmatischen Worten den Nachdruck gelegt — des Lebens noch kein Anfang. Diesem monologischen Geist, dem erst heute eine eigengeartete Wissenschaft des Judentums gegenübertritt, widerspricht die Lebensform des Lehrhauses in ihrem dialogischen Miteinander-Lernen. Aber weniger auf diesen Gegensatz als auf den Unterschied zwischen jüdischem Lehrhaus und der dem allgemeinen kulturellen Leben entstammenden Volkshochschule kommt es an. Im allgemeinen Lebensraum war die in der Volkshochschule versuchte Erwachsenenbildung etwas lediglich Zusätzliches, wenn sie zu Menschen einer bürgerlich saturierten (sogar übersättigten) Schicht gelangte; von den Menschen aber, die dieser Schicht nicht angehörten, wurde sie sehr bald als ein unbrauchbares Geschenk „höheren" — also doch nicht erreichbaren — Wissens angesehen und als daseinsfremd abgelehnt. Die innere Bedeutungslosigkeit eines „Vortragshungers" und den immer noch individualistischen Charakter jener höheren Bildung durchschauten die, denen es auf Gemeinschaft und auf das nur darin lebendige Wissen, 400