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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 399

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Das Lehrhaus
Date
1936-12-01
Page
399 (sequence 4)
Language
German
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Das Lehrhaus sein mit dem Gegenwärtigen erfüllt und was durch uns hindurch das Gewesene mit dem Kommenden verkettet. In unserem Lernen und Lehren erneuert in alle Zeit der Geist den Bund; im Lehrhaus streckt alle jüdische Wirklichkeit dem jetzt lebenden Geschlecht aus der Vergangenheit die stützenden, der Zukunft die führenden Hände entgegen. Das „Freie" jüdische Lehrhaus hatte seine Eigengesetzlichkeit herauszustellen. Mit Hilfe einer ganz einfachen Organisation und mit sehr intensiver persönlicher bildender Arbeit, die jeder Angehörige des Lehrhauses an sich und gemeinsam mit seinen Mitarbeitern vornehmen mußte, wurde das erreicht. Rosenzweig hat es nicht zugelassen, daß organisatorischer Leerlauf die Stelle der wirklichen Arbeit störe. Die Mitarbeiter am Lehrhause haben fast alle erst lernen müssen, „wie es gemacht wird"; daß Lehren ein Wagnis sein kann, daß zum Fragen wie zum Antworten Mut gehört, und daß kein Fachmann — vielleicht der sogar am wenigsten — von vornherein im Lehrhause seiner Wirkung ganz gewiß sein kann, war die große, den Lehrer erziehende Erfahrung. Mancher „Schulmann" hat wohl den Weg vom Mittel- und Hochschullehrer zum Lehrhaus-Lehrer nicht ganz leicht gefunden. Und wenn unser Lehrhaus nichts weiter gebracht hätte, als den „Am-Haarez-Lehrer", den Menschen, der im Jüdischen ganz und gar kein Fachmann war, der keine richtige „judaistische" und keine gute hebräische Ausbildung hatte, aber das im Lehren und Lernen drängende, suchende, aufglühende Herz eines jüdischen Menschen — es wäre uns damals genug gewesen. Damals: aber diese „Urform" des Lehrhauslehrers durfte nicht zur Dauerform werden und ist es ja auch nicht geworden, sonst hätte stärkste Anregung schließlich zur Verflachung führen müssen. Der Sinn des Wortes „frei" sollte der sein, daß sich das Lehrhaus weder in bezug auf seine Lehrkräfte noch auf seine Schüler noch auf seine Stoffe irgendwelcher Beschränkung unterwarf. Das Jüdische war sein natürliches Hauptanliegen; indem es das Eigene lehrte und damit weit und breit jüdische Menschen suchte, führte es alle den neuen Weg zum alten Besitz. Das junge Lehrhaus umfaßte den Sinn und Wert der uralten jüdischen Lehrstatt so, wie der Mensch in brüderlich-erkennender Liebe das Seinige umfaßt; es führte ein Leben in nächster Nähe — auch in seinem damals oft befehdeten „deutschen Schiur". Und jenseits des Tores, das neu zur alten Schule führte, beschritten die Menschen des Lehrhauses die Wege der Welt: mit unserem jüdischen Willen zum Lernen ergriffen wir alles, was mit uns lebte und worin wir leben mußten. Das geschah bewußt gegen jede färben- und formenlösende Angleichung, die 399

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