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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 398

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Das Lehrhaus
Date
1936-12-01
Page
398 (sequence 3)
Language
German
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Eduard Strauß Rosenzweigs Briefe geben Kunde von der Verwirklichung des ihm auszeichnend zu eigenen, ihn gerade als seinen Anruf zur Tat erfüllenden Lehrwillens, der, zur rechten Zeit verstehend, aus der Weite und Vielheit der Umwelt in die Enge und den Reichtum unserer eigenen Welt vordrang: eines Lehrwillens freilich, der keinen schwer errungenen und teuer gewordenen Besitz draußen lassen konnte, sondern alles und jedes in bewußter Hineinnahme mitheiligte. Die Briefe sprechen heute, besser als einer von uns noch Lebenden es vermöchte, vor allem von dem, was Rosenzweig damals jedem Einzelnen nach dem Maße seines Verstehens zu sagen für gut fand; sie zeugen von der zugleich streng sachlichen und herzhaft persönlichen Art, wie er ehedem uns wenige, und heute uns alle, ein für allemal in Pflicht genommen hat. Wenn wir nun von unserem heutigen Wirken her, aber ohne jede das Grundsätzliche vielleicht verdunkelnde „Zeitrelativität", über das Jüdische Lehrhaus zum Gedächtnis seines Erneuerers sprechen, so sei dies das Zeichen unserer Treue: unsere Gedanken' bleiben zugleich das Gedenken an ihn; wir sprechen von dem, was Franz Rosenzweig uns gegeben hat, wenn wir das nennen, was uns aufgegeben ist. Wir danken ihm mit unserem Leben für das, was wir von ihm erhalten haben, wenn wir auf das hinblicken, was unser Leben heute sinnvoll erhält. Franz Rosenzweig hat bei seiner Formung des Lehrhauses bis zur Tiefe unserer jüdischen Existenz durchgegriffen; denn was ihm im Gelingen zuteil wurde und was dem Lehrhaus zu Erb und Eigen ist, das gehört jenem ewigen Sein des Bundes an, aus dem allein alles Jüdische voll erkannt werden kann. Das jüdische Lehrhaus, als Organ unseres Im-Bunde- Seins, steht unter heiligendem Auftrag. Es entspricht genau dem einen sinntragenden — dem künderischen — Elementarbestand unserer Existenz: unserer hörbaren Wirklichkeit. Das heißt: sein Dasein gilt dem Wissen um das, was uns von Anbeginn auferlegt war und was uns in Weltzeit aufgetragen ist. Allem, was das „Höre Israel" umspannt — dem weisenden Wort vorerst — bereitet das Lehrhaus die heutige Stätte: neben der tu baren und vor der sichtbaren Wirklichkeit des jüdischen Lebens, also neben dem einst verlassenen, jetzt wieder gesuchten Haus des Rechts und vor dem allezeit erbeteten Tempel des Dienstes. Seit das erste Bet Hamidrasch in Jawne in unserer Geschichte Wirklichkeit geworden ist, besitzt das Lehrhaus seine Legitimation aus dem jüdischen Schicksal; es erstand und ersteht auf den Ruf, der dem Jetzt entfährt. Denn auf die Not, in der ihn Gottes Anruf trifft, antwortet der Jude allemal mit — Lernen. Immer gedenken und erzählen wir, für uns selber wie für die Kommenden; Lernen und Lehren ist, was unser Bewußt- 398

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