Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Das Lehrhaus
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 397 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895562-2906689--09355-2906737- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Lehrhaus jüdischen Geistes. Aus dieser Kraft formte Rosenzweig das Lehrhaus als eine im jüdischen Leben der Gegenwart — heute muß es heißen: in der jüdischen Not des Augenblicks — zu neuem Gelten gelangende alteigene Gestaltung. Rosenzweigs Kunde vom jüdischen Lernen in der echten und rechten Zwiesprache, vom „Ende des Büchermachens" im Sprechraum und in der Sprechzeit lebendiger Wissensüberlieferung hat sich damals bewährt, denn sie hat die Menschen zusammengerufen; sie bewährt sich heute, denn sie zeigt dem Unstetgewordenen die Stätte. Was das Lehrhaus in getreuer Nachfolge — nach einer Spanne stillen Bewahrens — heute wieder für alle sein soll, war es von Anbeginn. Es „gab" das Lehrhaus in Frankfurt am Main und nicht etwa, wie man, der Zeit angepaßt, wohl manchmal sagte, eine Lehrhaus-,,Bewegung"; vor und mit uns war und wirkte dieses lebendige ganz greifbare und nennbare Dasein der in Eins verbundenen Menschen, von dem man nicht sagen mag, daß es sich irgendwie „entwickelt" habe, sondern daß es eben als dieses Da-Seiende auf Ruf und Frage der Zeit seine Antwort gegeben hat. Man könnte den Versuch machen, solchen Anfang und Neubruch aus den besonderen Zeit-Umständen oder aus der eigentümlichen biographischen Lage des Anhebenden zu begründen. Gewiß hat gerade Rosenzweig selber aus bestimmter Lage für seine Zeit gesprochen, und gewiß war keiner für die klagenden und fordernden Stimmen der Stunde hellhöriger als er; gewiß könnte eine „Genese des Lehrhausgedankens" an der eigenen Entfaltung dessen, der ihn dachte, abgelesen werden. Man mag den Weg zeichnen, der von dem offenen Brief „Zeit ist's" an Hermann Cohen bis zu „Bildung und kein Ende", von der Akademie für die Wissenschaft des Judentums über die Ablehnung dieser reinen Gelehrteninstitution durch Rosenzweig selbst bis zum Lehrhaus führt; man kann dartun, wie Rosenzweig in immer stärkerer jüdischer Verwirklichung vom Bilde des idealistischen Akademikers im großen Verstände zur Forderung einer erneuten und vertieften Bildung des jüdischen Lehrers und endlich zu der geliebten und gewagten Gestalt des „Am-haarez-Lehrers" gekommen ist — und darüber hinaus. Mit alledem aber wird noch nicht das Zeichenhafte gesehen, das für Rosenzweig und uns alle gegeben war; so zeigt sich nur ein Werden, aber nicht, was gelten soll: das Sein. Es genügt nicht, den Bestand des Lehrhauses aus der Objektivität des jüdischen Volksgeistes zu begründen oder ihn aus einem biologischen Moment, einer „jüdischen Vitalität", erwachsen zu lassen. Alle solchen Aussagen sprechen an dem Entscheidenden vorbei: sie nennen die Macht nicht, der Rosenzweig gehorcht hat, als er seine Worte vom jüdischen Lernen in unsere Zeit hineinrief. 397