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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 395

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Thesen zur Wanderungsfrage
Date
1936-12-01
Page
395 (sequence 7)
Language
German
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Thesen zur Wanderungsfrage aber ein solches Gebiet auch noch wirtschaftlich und klimatisch zur Besiedlung durch Weiße geeignet sein solle, hieße wirklich des Guten zuviel zu verlangen. 2. Ebensowenig wie ein Staat freiwillig sein Gebiet verkauft, ist er im allgemeinen bereit, sich von einer internationalen Instanz in seine Einwanderungspolitik dreinreden zu lassen. Vielmehr ist gerade die Einwanderungspolitik für jeden Staat ein überaus empfindlicher Punkt, weil sie ja über die künftige Zusammensetzung der Bevölkerung entscheidet. Deshalb ist es völlig abwegig, von irgendeiner internationalen Erörterung der Wanderungsfrage für die Juden viel Gutes zu erwarten. Der Völkerbund hat es sich schon bei seiner Gründung in Artikel XV Absatz 8 — auf Drängen der Vereinigten Staaten — selbst bescheinigt, daß er für die Regelung solcher „inneren Angelegenheiten" wie der Einwanderungsfrage im wesentlichen unzuständig sei; und so oft er später auch nur den schüchternen Versuch machte, sich der Behandlung dieses Problems zu nähern — besonders im Genfer Protokoll von 1924 —, ist er darüber in schwere Krisen geraten. IV. Von der Frage der Realisierbarkeit abgesehen, erscheint das Streben nach der Gründung eines selbständigen Judenstaates irgendwo auf der Welt als ein seltsamer Ehrgeiz. Ist das wirklich die Mission der Juden, zu den Dutzenden von kleinen Staaten (die meist nur den Schatten der Selbständigkeit genießen) noch einen hinzuzufügen? Wem schlägt das Herz höher bei dem Gedanken an einen jüdischen Präsidenten, an ein rein jüdisches Parlament in diesem oder jenem abgelegenen Teil des Erdballs? Worauf es einer jüdischen Wanderungspolitik wirklich ankommen muß, ist nicht die Gründung eines Staatswesens, sondern die Schaffung der Möglichkeit für recht viele Tausende von Juden, unter wirtschaftlich und klimatisch günstigen Bedingungen und in gesunder sozialer Schichtung so zu leben, daß sie ihre religiösen und kulturellen Traditionen frei entwickeln können und durch ihre Zahl und geschlossene Ansiedlung gegen jede Gefährdung ihrer Substanz durch Taufe, Mischehe und restlose Assimilation weitgehend geschützt sind. Wo und wie Derartiges möglich sein wird, läßt sich nicht a priori entscheiden. Es ist zwar richtig, daß heute die meisten selbst der weniger bekannten Staaten mit ihren Einwanderungsgesetzen eine zielbewußte Assimilationspolitik verfolgen; bezeichnend ist in dieser Hinsicht etwa das neueste venezolanische Gesetz, das für die Einwanderung von Siedlern große wirtschaftliche Vorteile gewährt, aber andererseits ganz bestimmte Vorschriften über die Zusammensetzung der Siedler aus verschiedenen Nationalitäten und die Beimischung von 395

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