Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Thesen zur Wanderungsfrage
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 394 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895562-2906688--09350-2906734- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Arthur Prinz der einzige, wohl aber mit der wesentlichste Zweck der Balfour- Deklaration war, in einer besonders gefährlichen Stunde des Weltkriegs England die Sympathien der amerikanischen Juden zu gewinnen, so wäre auch der bisherige Aufbau Palästinas kaum denkbar ohne die großen finanziellen Leistungen der überseeischen, insbesondere der amerikanischen und südafrikanischen Juden. Aber während sich jene gewaltigen und für das jüdische Volk als Ganzes unendlich segensreichen Wanderungen vor dem Kriege im wesentlichen auf dem Wege der „freien" Einzelwanderung vollzogen, ist etwas derartiges heute nicht mehr möglich: die internationalen Wanderungen sind in immer höherem Maße zu organisieren, von staatlichen oder sonstigen großen Körperschaften geregelten Bewegungen geworden, und auf diesem Wege gibt es für absehbare Zeit schwerlich ein Zurück. Wenn der Zionismus nicht will, daß dem jüdischen Volk in den nächsten Jahrzehnten die Chancen einer zielbewußten nationalen — nicht nur humanitären! — Wanderungspolitik entgehen, so ist es seine Pflicht, nach Kräften an der Gestaltung einer solchen Wanderungspolitik selbst mitzuwirken. III. Wird im zionistischen Lager die Bedeutung der überseeischen Wanderung im allgemeinen weit unterschätzt, so erwarten andere Kreise von der Wanderung Unmögliches, ja oft auch kaum Erstrebenswertes. Man kann heute vom Territorialismus nicht wie vom Zionismus im Sinne einer trotz aller Mannigfaltigkeit und inneren Gegensätze im Grunde einheitlichen Bewegung sprechen. Nirgends gibt es, neben einigen ernstzunehmenden Gruppen, mehr „Narren auf eigne Hand", um mit Goethe zu reden, mehr ahnungslose Projektemacher als hier. Es mag genügen, nur ganz kurz zwei Lieblingsvorstellungen dieser Kreise zu behandeln. 1. Daß man heute noch irgendwo in der Welt einen selbständigen Judenstaat gründen, ja dort vielleicht sogar „die Judenfrage lösen" könne; ist zwar ein aberwitziger, aber darum längst noch nicht aufgegebener Gedanke. Menschen, die von den politischen Grundkräften unserer Zeit nicht die leiseste Kenntnis haben, glauben noch immer, es gebe Staaten, die für Geld — über das die Projektemacher meist in größtem Maße „verfügen", ohne es allerdings zu besitzen — die Souveränität über größere Gebiete verkaufen würden. Es genüge, diese Menschen darauf hinzuweisen, daß selbst Staaten, die unbesiedeltes Land in Fülle haben, oft wegen bloßer Grenzstreitigkeiten Kriege führen — weil das Prestige eines Staates nie stärker berührt wird, als wenn seine Hoheit selbst über einen noch so kleinen Teil des Gebietes in Frage steht. Kein auch nur einigermaßen ernstzunehmender Staat verzichtet für Geld auf ein Stück seines Territoriums; daß 394