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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 393

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Thesen zur Wanderungsfrage
Date
1936-12-01
Page
393 (sequence 5)
Language
German
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Thesen zur Wanderungsfrage dazu führen, die Wanderung in überseeische Länder als eines der wichtigsten, wenn nicht sogar das wichtigste Mittel zur Besserung der jüdischen Lage in derGalut zu erfassen und um entscheidende Mitarbeit bei der Lenkung und Gestaltung dieser Wanderung zu kämpfen. Entscheidet sich der Zionismus so, wie es die Mehrzahl der geistig Trägen in seinem Lager heute sicher wünscht, d. h. für eine weitere Ignorierung oder Bagatellisierung der Auswanderung in andere Länder, so wäre es ein Unglück für ihn selbst wie für die Zukunft der jüdischen Wanderung. Die zionistische Bewegung müßte eine schwere Erschütterung und vielleicht einen Massenabfall ihrer Anhängerschaft gewärtigen, wenn erst einmal die große Menge begreift, daß Palästina nicht nur heute und morgen, sondern auf absehbare Zeit hinaus nur einen Bruchteil derer aufnehmen kann, die auswandern müssen und bereit sind, produktive Berufe zu ergreifen. Wenn Tausende von Chaluzim Jahr um Jahr vergeblich auf Zertifikate gewartet haben und schließlich in ein überseeisches Land auswandern werden, nachdem sie mit allem Nachdruck gelehrt wurden, nur auf Palästina zu schauen und jedes Leben in anderen Ländern als im Innersten verfehlt zu betrachten, dann werden nicht nur sie selbst, sondern vielleicht Hunderttausende am Zionismus irre werden. Andrerseits wäre aber ein solches Abseitsstehen des Zionismus auch ein wirkliches Unglück für die jüdische Wanderungspolitik. Denn in seinem Lager stehen die Menschen mit der größten kolonisatorischen Erfahrung, hier steht der überwiegende Teil einer zu produktiven Berufen hindrängenden Jugend, und vor allem ist hier auch der stärkste jüdische Selbsterhaltungswille, das empfindlichste Gefühl für die Gefahren einer restlosen Assimilation lebendig. Und nicht zuletzt ist der Zionismus eine jüdische Volksbewegung, deren Einfluß gerade auf jene selbstherrlichen Bürokratien erwünscht ist, die heute ohne öffentliche Kontrolle oder erkennbare weltanschauliche Bindung die jüdische Wanderungspolitik außerhalb Deutschlands weitgehend in Händen haben. Wählt dagegen der Zionismus den andern Weg, entscheidet er sich für eine starke Mitarbeit an der Wanderungspolitik, so wird dadurch auf die Dauer auch das Palästina werk gestärkt werden. Die „orthodoxen" Zionisten täten gut daran, die Frage zu studieren, ob nicht die bisherigen Erfolge des Zionismus zu einem entscheidenden Teile nur dank der vorherigen großen Überseewanderungen möglich gewesen sind, — dank jener Wanderungen, die in den letzten dreißig Jahren vor dem Weltkriege aus den Geburtenüberschüssen der osteuropäischen Juden die amerikanische, kanadische, südafrikanische und argentinische Judenheit erst eigentlich erstehen ließen. Ebenso wie es zwar nicht 393

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